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Gefährlich, dilettantisch, großartig. Und mehr als Deutschpunk: „Angriff aufs Schlaraffenland - Ein Deutschpunk Mixtape“ gräbt tief in den wilden Widersprüchen der Subkultur - (2026 | Tapete Records [Doppelalbum, VÖ: 22.05.2026] / Ventil Verlag [Buch, Jonas Engelmann (Hg.) VÖ: 22.05.2026])

Geschichte zu erklären, gerade die des Phänomens "Punk", gab es bereits viele. Dabei gute und schlechte. Und es gibt solche, die Geschichte wieder atmen lassen. „Angriff aufs Schlaraffenland“ gehört ziemlich eindeutig zur zweiten Kategorie. Das Projekt – bestehend aus dem gleichnamigen Doppelalbum auf Tapete Records und dem begleitenden Buch aus dem Ventil Verlag – ist weder nostalgische Deutschpunk-Verklärung noch akademische Rückschau aus sicherer Distanz. Eher fühlt sich das Ganze an wie ein großer, leicht chaotischer WG-Küchentisch voller alter Singles, Fanzines, Konzertzettel, Diskussionen und Erinnerungen. Genau darin liegt die Stärke dieses Projekts... Wer Anfang oder Mitte der Achtziger selbst irgendwie mit Punk, Postpunk, NDW-Untergrund oder den schrägen Randbereichen zwischen besetzten Häusern und Dorfpunk, AJZs und Schützenhallen, Tape-Szene, Plattenläden und linken Jugendzentren sozialisiert wurde, erkennt hier sehr schnell etwas wieder, das in viele...
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Kateryna Kravchenko & Arthur Clees – Faces (Unit Records, 10.04.2026)

Faces von Kateryna Kravchenko und Arthur Clees gehört zu den Alben, die weniger auftreten als vielmehr erscheinen. Das Debüt des ukrainisch-luxemburgischen Duos bewegt sich fernab klassischer Jazzkonventionen und entwickelt aus der ungewöhnlichen Kombination von Stimme und Vibraphon eine stille, beinahe schwebende Intensität. Was zunächst reduziert wirkt, entfaltet mit zunehmender Laufzeit eine bemerkenswerte emotionale Tiefe...  Kravchenko, die sich bereits in der europäischen Jazz- und Improvisationsszene einen Namen als experimentierfreudige Sängerin zwischen zeitgenössischem Jazz, klassischer Vokalkunst und freier Improvisation gemacht hat, trifft hier auf den Vibraphonisten Arthur Clees, dessen Spiel weniger rhythmische Funktion übernimmt als vielmehr Räume öffnet. Gemeinsam erschaffen beide eine Musik, die eher Atmosphäre als Dramaturgie sucht – und gerade dadurch nachhaltig wirkt...  Faces lebt von Transparenz, Klangfarben und kontrollierter Zurückhaltung. D...

Die Schönheit des Unbequemen: mACHT – 1 (Crocodile Tears Records, 23.06.2023)

Es gibt Alben, die sich jeder schnellen Kategorisierung entziehen. 1, das Debüt von mACHT, gehört genau in diese Sorte. Die Verbindung zur legendären Solinger Punk-Institution S.Y.P.H. ist dabei mehr als nur Fußnote: Nach den gescheiterten Sessions eines geplanten S.Y.P.H.-Albums formierte sich aus Teilen der Beteiligten schließlich mACHT. Das hört man dieser Platte an — allerdings nicht als nostalgischen Rückgriff, sondern als bewusst offene Fortschreibung deutscher Postpunk- und Avantgarde-Traditionen...  1 funktioniert weniger über klassische Songs als über Zustände. Repetition, Spoken-Word-Elemente, stoische Rhythmen und schroff eingesetzte Gitarrenflächen erzeugen eine eigentümliche Spannung zwischen Krautrock, Industrial, No Wave und improvisierter Kunstmusik. Gerade „Löffelvoller Groschen“ setzt dafür früh den Ton: mantraartig, sperrig, hypnotisch. Die Band verweigert eingängige Dramaturgien fast demonstrativ, ohne dabei beliebig zu wirken. Hinter der vermeintlic...

Zwischen Stillstand und leiser Bewegung - Provinz als Zustand: Maik Brüggemeyer – Wie jeder weiß, ist das hier das Nirgendwo (Ventil Verlag, 2025)

Maik Brüggemeyer ist kein Autor, der sich hinter stilistischen Manierismen versteckt. Bekannt geworden als präziser Beobachter von Popkultur und Musik – unter anderem für Magazine wie Rolling Stone oder Die Zeit – bringt er in seinem literarischen Debüt genau diese analytische Schärfe mit, ohne gleich ins Dozierende abzurutschen. Stattdessen schreibt er mit einer beiläufigen Souveränität, die aus eigener Erfahrung gespeist ist. Journalistisch geschult, aber literarisch verdichtet. Brüggemeyer versteht Rhythmus, nicht nur in Musik, sondern prächtigerweise für alle Leser auch im Erzählen...  "Wie jeder weiß, ist das hier das Nirgendwo" ist ein Roman, der sich bewusst gegen große Gesten entscheidet. Stattdessen entfaltet er seine Wirkung über Atmosphäre, über das Unausgesprochene, über Zwischenräume. Der Schauplatz – eine westdeutsche Provinz, die gleichermaßen vertraut wie entrückt wirkt – ist dabei weniger Kulisse als Zustand. Hier verdichtet sich ein Lebensgefühl ...

Klassiker von 1969: Santana – Santana (Columbia Records, August 1969)

Es gibt Debüts, die ein Versprechen formulieren – und es gibt solche, die ein ganzes Genre neu definieren. Santana gehört klar zur zweiten Kategorie. Was hier 1969 erscheint, ist kein sauber kalkuliertes Studioalbum, sondern ein organisch gewachsener Klangkörper: eine Band, die Rhythmus nicht begleitet, sondern zelebriert. Der entscheidende Punkt dabei ist nicht nur die Fusion aus Rock, Blues und lateinamerikanischen Einflüssen, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der diese Elemente ineinandergreifen...  Schon die Eröffnung mit „Waiting“ macht deutlich, wohin die Reise geht: ein pulsierender Groove, getragen von einer Rhythmussektion, die weit über klassische Rockstrukturen hinausgeht. Die Doppel-Percussion mit Congas und Timbales ist kein Effekt, sondern strukturelles Fundament. Darüber legt sich Carlos Santanas Gitarrenton – singend, sustainreich, fast vokal gedacht. Technisch ist das kein Virtuosen-Feuerwerk, sondern ein bewusst reduzierter, emotional fokussierte...

Verve Vault Series: Archie Shepp - Four For Trane (Impulse! / Verve // 12. Dezember 2025)

Wenn man über die frühen 1960er spricht, führt an Archie Shepp kein Weg vorbei. Als eine der markantesten Stimmen des avantgardistischen Jazz positionierte er sich bewusst im Spannungsfeld zwischen Tradition und radikaler Erneuerung – und genau dort liegt auch die Bedeutung von Four For Trane . Das Album ist weniger Hommage als vielmehr ein entschlossener Eingriff in das Werk von John Coltrane - respektvoll, aber unmissverständlich eigenständig... Shepp nimmt vier Coltrane-Kompositionen und formt sie zu dichten, rauen Klangkörpern um. Die Stücke wirken aufgebrochen, fast fragmentiert, ohne je ihre innere Logik zu verlieren. Der Sound ist kantig, von eruptiven Bläsersätzen geprägt, die sich immer wieder gegen konventionelle Harmonieführung stemmen. Gleichzeitig bleibt eine klare strukturelle Basis erhalten – ein Balanceakt, der das Album bis heute spannend macht. Besonders auffällig ist die Energie des Ensembles: Hier wird nicht interpretiert, sondern neu gedacht... Die Besetzung auf Ar...