--- TEIL 2 ---
Vom Duo zum Pop-Orchester
Nach der geplanten Auflösung von „Funnybone“ machten Sebastian und André erstmal - beeinflusst von Musik, die sie gerade neu entdeckten - als Folk-Duo weiter. Wenig später sollte es dann sowieso heißen: „the quiet is the new loud“. Das passte als Motto! Und ein neuer Name wurde auch gefunden. Nach einem Song der von Folk- und Chamber-Pop-Einflüssen geprägten schottischen Ausnahme-Indie-Popper „Belle And Sebastian“ nannte man sich fortan - „Stars Of Track And Field“ . Weitere offensichtliche Bezüge kamen aus britischem Folkrock, Baroque-Pop oder von Nick Drake, Momus, Felt oder Arab Strap. Aber auch die Band Hefner, denen sie für die Aufnahmen ihrer Debüt LP ihr Musik-Equipment zur Verfügung stellten. (Zitat Seb: „Ja, genau so mussten wir es auch machen! Weg also mit den Effektgeräten, bei denen ich mich sowieso schwertat, diese mit meinen unegalen Füßen vernünftig zu bedienen!“)…
Und so kam es schnell zu neuen Songs, die per Homerecording auf dem damals revolutionären tragbaren Mehrspur-Kassettenrekorder „Tascam Porta Studio“ eingespielt wurden. Und „Stars Of Track And Field“ wurden alsbald eingeladen, im Gleis 22 vor der Band „Hazeldine“ zu debütieren. Nach dem Konzert kamen Carsten und Marc von der Band „Tub Racer“ auf uns zu. Sie hatten Tub Racer gerade aufgelöst, hatten aber beide Lust weiter gemeinsam Musik zu machen. Beim lockeren Bierchen kamen beide Hälften also zusammen und wurden die erste Vollbesetzung von „Stars Of Track And Field“. Durch diese Symbiose gelang zudem auch der Schritt in den Kreis der Musiker, die im Gleiskeller proben durften…
Zeitgleich gab es dort noch eine andere Band, die sich gerade in Gründung befand. Sie nannte sich „Dorian“, spielten im Stil einer klassischen Britpop-Band und in ihrer Besetzung mit der charismatischen Sängerin Babsi, dem nicht weniger stilsicheren Gitarristen Stefan Kotte und dem Bassisten Stefan Koch und waren noch auf der Suche nach einem Schlagzeuger. Die Position ging an André, der daraufhin festes Mitglied bei Dorian wurde und beide Bands sich miteinander anfreundeten. Stefan Kotte zum Beispiel begeisterte sich für „Stars Of Track And Field“ und wollte ebenfalls mitmachen, um mit seiner Rickenbacker den originären Janglesound beizutragen. Zudem hatte er gerade ein Label namens „Phoebe“ gegründet, auf dem er 7‘‘ Singles herausbrachte, was sich später noch als vorteilhaft herausstellte…
Mittlerweile war die Band zu einer Art Pop-Orchester angewachsen. Im gemeinsamen Freundeskreis der neuen Bandmitglieder befanden sich nämlich weitere kreative Menschen, die gerne mitmachen wollten. Julia Vossenberg, die neben André Lead-Sängerin wurde, Cornelia Mönster am Keyboard, die Cellistin Carolin Austermann-Busch. Und auch Bernd Ahlert war wieder mit von der Partie.
Im Studio des Gleis 22 nahmen „Stars Of Track And Field“ einige Songs auf. Drei davon erschienen auf einer Split-Single des Labels „Phoebe“, zusammen mit den befreundeten Dorian. Und es gab eine eigene Single der Band. Viele weitere Songs wurden zwar aufgenommen, aber nie veröffentlicht. Die Band endete - man muss es ehrlich sagen - im Chaos. So enthusiastisch alle zwischendurch den Flow genossen - nämlich dann, wenn das Kollektiv bisweilen genial funktionierte (Zitat Seb: „Ich erinnere mich z.B. an die Aufnahmesessions mit den beiden Bläsern der amerikanischen Band Lars Vegas, die auf Marcs Label „Sky Cap“ erschienen und gerade in Deutschland auf Tour waren!“), so niedergeschlagen und ausgelaugt waren die Bandmitglieder auch immer wieder…
Schließlich löste sich die Band selbst in ihre Einzelteile auf, nachdem sie in Berlin ein ziemlich denkwürdiges Konzert absolviert hatten, das geprägt war durch Chaos auf der Bühne. Mit Alexandra Romary vom französischsprachigen Elektro-Pop-Projekt „Belle Etoile“, welches ebenfalls auf „Phoebe“ erschien, war eine weitere Sängerin bei der Band angelandet. Nach einigen Grundsatz-Diskussionen entschlossen sich Teile der alten Band, einen Neustart zu wagen. Mit der Kernbesetzung André, Carsten, Marc, Alexandra und Sebastian gründeten sie die Band „Stars Play Music“. Aber das ist eine andere Geschichte…
„Episodes And Postcards“ - Eine Wiederentdeckung
Mit der Veröffentlichung von „Episodes And Postcards“ auf „Bureau Platiruma“, dem fantastischen Indie-Label von Sebastian Voss, der mittlerweile mit seiner Band „The Fisherman And His Soul“ und dem grandiosen internationalen Bandprojekt „Herr Wade“ das Banner des Indie-Pops in Deutschland hochhält, wurde das Vermächtnis des einstmals äußerst produktiven Netzwerks um die die Band „Stars Of Track And Field“, nun wieder zum Leben erweckt. Die Compilation enthält Aufnahmen aus der Hochzeit der Band, die in den Archiven schlummerten und nun von Sebastian liebevoll restauriert und zusammengestellt wurden. Die Resonanz auf die Veröffentlichung ist überwältigend. Die Songs haben nichts von ihrer Frische und Originalität verloren, verkaufen sich gut und werden von der Indiepop-Community begeistert aufgenommen...
Ein Blick in die Zukunft
Unter dem Namen „Platiruma Retroscope“ plant das Label bereits weitere Veröffentlichungen von Bands aus dem Gleis 22-Kollektiv. Die Geschichte von „Stars Of Track And Field“ ist somit nicht nur eine Erinnerung an eine vergangene Ära, sondern auch ein Versprechen für die Zukunft…
Die aktuelle Live-Band von „The Fisherman And His Soul“, die aus Mitgliedern des damaligen Kollektivs besteht, beweist, dass der alte Spirit noch immer lebendig ist. Und so dürfen sich Fans auf weitere musikalische Überraschungen aus dem Hause „Platiruma“ freuen...
Und auch „Herr Wade“, bestehend aus dem norwegischen Musiker Jørn Aleskjaer und Sebastian Voss ist mittlerweile von diesem Geist erfüllt. Mit ausdrücklicher Erlaubnis von Jørn, der leider nicht dabei sein wird, werden die alten Gleis 22-Haudegen Carsten, Admiral von Schneider (ehemals El Bosso und die Ping Pongs, Lancaster, The Sellers), André Kleine-Wilke und Sebastian Voss bald live auftreten. Wenn das mal keine große Ankündigung ist. Indie lebt…
---ENDE---
author: S. Voss & M. Kleine
all pics by: S. Voss