Gefährlich, dilettantisch, großartig. Und mehr als Deutschpunk: „Angriff aufs Schlaraffenland - Ein Deutschpunk Mixtape“ gräbt tief in den wilden Widersprüchen der Subkultur - (2026 | Tapete Records [Doppelalbum, VÖ: 22.05.2026] / Ventil Verlag [Buch, Jonas Engelmann (Hg.) VÖ: 22.05.2026])
Geschichte zu erklären, gerade die des Phänomens "Punk", gab es bereits viele. Dabei gute und schlechte. Und es gibt solche, die Geschichte wieder atmen lassen. „Angriff aufs Schlaraffenland“ gehört ziemlich eindeutig zur zweiten Kategorie. Das Projekt – bestehend aus dem gleichnamigen Doppelalbum auf Tapete Records und dem begleitenden Buch aus dem Ventil Verlag – ist weder nostalgische Deutschpunk-Verklärung noch akademische Rückschau aus sicherer Distanz. Eher fühlt sich das Ganze an wie ein großer, leicht chaotischer WG-Küchentisch voller alter Singles, Fanzines, Konzertzettel, Diskussionen und Erinnerungen. Genau darin liegt die Stärke dieses Projekts...
Wer Anfang oder Mitte der Achtziger selbst irgendwie mit Punk, Postpunk, NDW-Untergrund oder den schrägen Randbereichen zwischen besetzten Häusern und Dorfpunk, AJZs und Schützenhallen, Tape-Szene, Plattenläden und linken Jugendzentren sozialisiert wurde, erkennt hier sehr schnell etwas wieder, das in vielen Rückblicken verloren gegangen ist: Diese Szene war nie nur „Deutschpunk“. Sie war Kunsthochschule und Abrisshaus, Dilettantismus und Konzept, Politik und völliger Unsinn, Bierernst und komplette Selbstparodie zugleich...
pic by: Bärchen und die Milchbubis & Tapete Records
Genau das bildet das Doppelalbum erstaunlich gut ab. Statt die hundertste lineare Heldenreise von Slime bis Toxoplasma - zwar auch spannend, aber irgendwie auserzählt - zum Besten zu geben, öffnet „Angriff aufs Schlaraffenland“ den Blick bewusst weiter. Die Radierer stehen hier neben Palais Schaumburg, Hans-A-Plast neben späteren Referenzen und neueren Perspektiven. Man hört plötzlich wieder, wie eng frühe NDW, Art-Punk, Postpunk und die eigentliche Punkszene damals teilweise miteinander verwoben und verdröselt waren, bevor die Musikgeschichtsschreibung vieles filetiert und sauber in Schubladen sortiert hat...
pic by: © Muff Potter
Das funktioniert gerade als Vinylveröffentlichung hervorragend. Dieses Doppelalbum will nicht beiläufig durchgestreamt oder gar geskipt werden. Man legt Seite A auf, liest nebenbei ein paar Texte, bleibt hängen, erinnert sich, springt gedanklich plötzlich von Ratinger Hof zu ZickZack, von Chaos-Tagen zu Hamburger Schule, von Xerox-Fanzines zu heutigen DIY-Bandcamp-Releases und immer wieder in die eigene Vergangenheit. Die Compilation entwickelt dabei fast Mixtape-Charakter. Nicht im Sinne eines „Best Of“, sondern eher wie eine sehr gut kuratierte Subkultur-Collage, von denen ich - jetzt wo ich drüber nachdenke - auch noch reichlich eingemottet habe...
pic by: © Hans-A-Plast Archiv
Klanglich und gestalterisch bewegt sich die Veröffentlichung erfreulich weit weg von liebloser Archivware. Das wirkt alles sichtbar mit Leidenschaft zusammengestellt. Gerade weil das Projekt nicht versucht, Punk zu musealisieren, sondern dessen offene Widersprüchlichkeit stehen lässt. Punk erscheint hier nicht als abgeschlossene historische Episode, sondern als kulturelle Gegenbewegung, deren Nachwirkungen bis heute reichen — musikalisch, ästhetisch und gesellschaftlich...
pic by: © Rüdiger Ladwig / Male
Das Buch aus dem Ventil Verlag erweitert diesen Ansatz sinnvoll. Besonders angenehm: Es versucht nicht, eine „ultimative Wahrheit“ über deutsche Punkgeschichte zu formulieren. Stattdessen entsteht über die Vielzahl an Stimmen ein Mosaik unterschiedlichster Perspektiven. Musiker, Autoren, Szene-Leute und Journalisten schreiben über Songs, Erinnerungen und persönliche Berührungspunkte. Dadurch bekommt das Ganze etwas angenehm Unfertiges und Lebendiges. Genau das macht Subkultur letztlich ja auch aus...
pic by: © Wolfgang Wiggers / der KFc
Und dann gibt es da noch „Bored Teenagers“, das sich als ergänzender Blick fast folgerichtig danebenstellt. Während „Angriff aufs Schlaraffenland“ stärker den deutschsprachigen Kosmos fokussiert, öffnet „Bored Teenagers“ den Blick stärker auf die frühen internationalen Ursprünge und Zusammenhänge der ersten Punkgenerationen. Zusammen ergibt das beinahe eine kleine kulturhistorische Kartierung dessen, was aus einer ursprünglich ziemlich kleinen Gegenbewegung alles geworden ist...
© Archiv Band
Natürlich muss niemand gleichzeitig lesen und hören. Das Album funktioniert völlig eigenständig, genauso wie das Buch allein bereits genügend Stoff liefert. Aber wer sich tatsächlich für die Geschichte, die Brüche, die Missverständnisse und die kulturellen Folgewirkungen dieser Szenen interessiert, bekommt durch die Kombination einen deutlich tieferen Zugang. Gerade weil vieles hier nicht erklärt wird wie in einer Dokumentation, sondern eher aus Erinnerungen, Haltungen und Fragmenten entsteht...
© Tapete Records
Vielleicht ist genau das die größte Qualität dieses Projekts: Es erinnert daran, dass Punk in Deutschland eben nie nur aus Nieten, Parolen und Tempo bestand, wie eigentlich weltweit nicht. Sondern auch aus Kunst, Humor, Überforderung, Theorie, Scheitern, Experiment und der permanenten Weigerung, sich endgültig einordnen zu lassen. Viele, wie mich selbst auch, dürfte das bis heute geprägt haben...
Und ehrlich gesagt: In Zeiten algorithmischer Gleichförmigkeit wirkt genau das heute fast wieder erstaunlich radikal...
Die Vinyl-Tracklist der Doppel-LP:
Record 1:
Male - Sirenen
Die Radierer - Angriff auf's Scharaffenland
Der KFc - Gefangen in der BRD
Hans-A-Plast - Rock'n Roll Freitag
Brüllen - Dämmerung canceln, Gesang stehen lassen (Tageslaune)
Palais Schaumburg - Telefon
Egotronic - Raven gegen Deutschland
Carambolage - Tu doch nicht so
Die Aeronauten - Freundin
Korpus Kristi - Stadt der blauen Eier
Östro 430 - Zu cool
… but alive - Ohnmacht
Isolierband - Keine Gnade
Mutter - Ich weiß ja wer du bist
Die Goldenen Zitronen - Flimmern
Rotzkotz - Computamensch
Acht Eimer Hühnerherzen - Eisenhüttenstadt
Freiwillige Selbstkontrolle - Herz aus Stein
Family 5 - Hau weg den Dreck
Record 2:
S.Y.P.H. – Industrie-Mädchen
Bärchen und die Milchbubis – Happy Bonbon
EA80 – Verloren
Die Nerven – Eine Minute schweben
Superpunk – Nein nein nein
Tommi Stumpff – Mich kriegt ihr nicht
Toxoplasma – Ordinäre Liebe
Schnipo Schranke – Pisse
Terrorgruppe – Opa
Antilopen Gang – Beate Zschäpe hört U2 (mit Jan Windmeier)
Slime – Deutschland
Tocotronic – Freiburg
Muff Potter – Auf der Bordsteinkante (nachts um halb eins)
Dritte Wahl – Greif ein
Normahl – Geh wie ein Tiger
Stereo Total – Die Dachkatze
The Shocks – More Kicks
Links:
Album:
Tapete Records – Angriff aufs Schlaraffenland
Buch:
Ventil Verlag – Angriff aufs Schlaraffenland
Ergänzend:
Ventil Verlag – Bored Teenagers