Direkt zum Hauptbereich

Musik wie ein langsamer Atemzug: Hypnotische Improvisationen zwischen Jazz, Ambient und Groove - JEFF PARKER ETA IVtet – Happy Today (International Anthem Recording Company, 15.05.2026)



Mit dem ETA IVtet hat sich Gitarrist Jeff Parker in den vergangenen Jahren eine der interessantesten und zugleich unaufgeregtesten Formationen des zeitgenössischen US-Jazz aufgebaut. Nach den beiden vielbeachteten Veröffentlichungen Mondays At The Enfield Tennis Academy und The Way Out of Easy wirkt Happy Today nun weniger wie ein nächster Karriereschritt als vielmehr wie eine weitere Verdichtung einer bereits sehr klar definierten musikalischen Idee. Das Quartett bleibt dabei seinem Ansatz treu: improvisationsbasierte Musik, die Offenheit zulässt, ohne jemals beliebig zu wirken...

Aufgenommen wurde das Album live im Lodge Room in Los Angeles – ein Umstand, den man dieser Veröffentlichung permanent anhört. Happy Today lebt von Räumen, von Luft zwischen den Tönen und von jener fast schwer erklärbaren Kommunikation, die nur Bands entwickeln, die lange gemeinsam spielen. Parker, Josh Johnson, Anna Butterss und Jay Bellerose agieren hier weniger als klassische Jazzformation denn als organisch atmender Klangkörper. Gerade Johnsons elektronisch erweitertes Altsaxophon und Parkers zurückgenommenes, oft beinahe schwebendes Gitarrenspiel sorgen dafür, dass sich die Musik gleichzeitig intim und weit geöffnet anfühlt...

Bemerkenswert ist dabei die Ruhe dieser Aufnahme. Selbst in dichteren Momenten entsteht nie das Bedürfnis nach virtuoser Überhöhung oder demonstrativer Komplexität. Stattdessen arbeitet das Album mit Wiederholung, Atmosphäre und subtilen Verschiebungen. Der über zwanzig Minuten lange Titeltrack entwickelt daraus eine hypnotische Sogwirkung, die irgendwo zwischen Spiritual Jazz, Ambient, minimalistischem Groove und den offenen Strukturen der Chicagoer Post-Rock- und Improvisationsszene oszilliert. Das deutlich kürzere „Like Swimswear“ wirkt dagegen beinahe wie ein konzentrierter Einstieg in diese Welt – locker, warm und erstaunlich zugänglich... 

Dass Happy Today auf International Anthem Recording Company erscheint, passt nahezu ideal. Das Label hat sich in den vergangenen Jahren zu einer zentralen Plattform für Jazz entwickelt, der Tradition ernst nimmt, ohne nostalgisch zu werden. Auch klanglich bewegt sich das Album exakt in diesem Koordinatensystem: transparent, dynamisch und angenehm organisch. Die Live-Aufnahme von Bryce Gonzales transportiert die Atmosphäre des Raumes bemerkenswert direkt, ohne steril oder überproduziert zu wirken. Dave Cooleys Mastering unterstützt diesen Eindruck zusätzlich mit einer sehr natürlichen Tiefenstaffelung... 

Die hier vorliegende CD-Ausgabe erscheint vergleichsweise schlicht, aber durchaus geschmackvoll gestaltet. Das reduzierte Artwork fügt sich gut in die visuelle Sprache vieler International-Anthem-Veröffentlichungen ein: zurückhaltend, modern und ohne unnötige Effekte. Gerade bei einer Musik, die so stark von Konzentration und Zwischentönen lebt, wirkt diese ästhetische Zurückhaltung fast konsequent. Für Vinylhörer dürfte insbesondere interessant sein, wie gut sich diese offene, dynamische Produktion später auf die LP-Ausgabe übertragen wird – das Material bringt dafür jedenfalls beste Voraussetzungen mit...

Happy Today fordert Aufmerksamkeit, Geduld und ein gewisses Einlassen auf Stimmungen und Details. Gerade darin liegt aber seine eigentliche Stärke. Jeff Parker und das ETA IVtet gelingt hier eine Aufnahme, die gleichzeitig zeitgenössisch, tief verwurzelt und beim intensiven Hören, vor allem beim Titeltrack, erstaunlich transzendent wirkt... 

Links:

Tracklist

1. Like Swimswear
2. Happy Today




Aktuelle Top-Inhalte:

Zwischen Stillstand und leiser Bewegung - Provinz als Zustand: Maik Brüggemeyer – Wie jeder weiß, ist das hier das Nirgendwo (Ventil Verlag, 2025)

Die Schönheit des Unbequemen: mACHT – 1 (Crocodile Tears Records, 23.06.2023)

Gefährlich, dilettantisch, großartig. Und mehr als Deutschpunk: „Angriff aufs Schlaraffenland - Ein Deutschpunk Mixtape“ gräbt tief in den wilden Widersprüchen der Subkultur - (2026 | Tapete Records [Doppelalbum, VÖ: 22.05.2026] / Ventil Verlag [Buch, Jonas Engelmann (Hg.) VÖ: 22.05.2026])

Jazz aber echt: Thelonious Monk with Sonny Rollins & Frank Foster - Monk

Klassiker von 1969: Santana – Santana (Columbia Records, August 1969)