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Ken McIntyre With Eric Dolphy – Looking Ahead (25.07.2025, Prestige/New Jazz – OJC Series)


Manche Debüts wirken im Rückspiegel wie eine Weggabelung – nicht, weil sie laut „Revolution“ rufen, sondern weil sie eine neue Grammatik andeuten. Looking Ahead gehört genau in diese Kategorie: aufgenommen am 28. Juni 1960 im Van-Gelder-Studio in Englewood Cliffs und Anfang 1961 auf New Jazz veröffentlicht, produziert von Esmond Edwards. Das Album dokumentiert Ken McIntyre in einem Moment, in dem Kompositionsdisziplin und die aufbrechende Sprache der frühen 60er nicht gegeneinander arbeiten, sondern sich gegenseitig schärfen... 

McIntyre (später aka Makanda) war nie „nur“ Altsaxofonist: als Multiinstrumentalist und Komponist – und später als prägender Pädagoge, der u. a. 1971 an der SUNY Old Westbury ein African American Music Program gründete – denkt er strukturell, ohne die Spontaneität zu beschneiden. Eric Dolphy wiederum war zu diesem Zeitpunkt bereits eine Art Katalysator: ein Multiinstrumentalist, der auf Alto, Flöte und vor allem Bassklarinette das Vokabular des Modern Jazz dramatisch erweiterte; sein New-York-Aufstieg über Chico Hamilton und die Arbeit u. a. mit Charles Mingus sind Teil genau jener Energie, die hier zwischen den Takten knistert...

Musikalisch ist Looking Ahead kein „Battle of the Altos“, sondern ein Gespräch. McIntyres Stücke (fünf Eigenkompositionen plus ein Gershwin-Standard) sind klar genug gebaut, um Orientierung zu geben – und offen genug, dass Dolphy sie mit seinen schräg funkelnden Intervallen und Klangfarben von innen heraus neu belichtet. Die Rhythmusgruppe (Walter Bishop Jr., Sam Jones, Art Taylor) hält das Ganze dabei nicht nur zusammen, sie macht den Raum erst hörbar: elastischer Swing, federnder Puls, viel Luft zwischen den Ereignissen. Mein Eindruck: Genau diese Balance aus Form und Risiko lässt die Platte heute so zeitlos wirken – sie „zeigt nach vorn“, ohne je angestrengt modern sein zu wollen...

Für Vinyl-Enthusiasten ist die 2025er Ausgabe vor allem handwerklich interessant: OJC-Reissue auf 180g, bei RTI gepresst, AAA von den Originalbändern bei Cohearent Audio gemastert (Kevin Gray wird als Schnitt genannt) und im Stoughton Tip-On-Cover mit Obi verpackt. Wenn diese Kette hält, was sie verspricht, ist das eine jener Wiederveröffentlichungen, bei der ich weder über die Originalpressung (zu teuer!), noch über die auf dem Markt auch vorhandenen billigeren Neupressungen obskurer Label nachzudenken. Diese Ausgabe ist sozusagen die goldene Mitte... 

Ken McIntyre – Altsaxophon, Flöte 
Eric Dolphy – Altsaxophon, Flöte, Bassklarinette 
Walter Bishop Jr. – Klavier 
Sam Jones – Bass 
Art Taylor – Schlagzeug 


Tracklist: 
Side A – 1. Lautir; 2. Curtsy; 3. Geo’s Tune; 4. They All Laughed
Side B – 1. Head Shakin’; 2. Dianna. 


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