Mit Lili legt der belgische Saxophonist und Komponist Tom Bourgeois einen eigenständigen Beitrag vor, der irgendwo zwischen Jazz, zeitgenössischer Musik und kammermusikalischen Strukturen angesiedelt ist. Bourgeois ist kein Unbekannter der europäischen Szene: Der 1987 geborene Franzose hat sich im Lauf seiner Entwicklung als Grenzgänger profiliert, der das Improvisatorische des Jazz mit formalen Elementen aus der Neuen Musik verbindet und dabei eine sehr persönliche Sprache findet. Sein Quartett mit Piano, Bass und Schlagzeug, ergänzt durch die Stimme von Veronika Harcsa und den Cellisten Vincent Courtois, schafft auf Lili ein dichtes, atmosphärisches Klangfeld...
Auf Lili – benannt nach der Komponistin Lili Boulanger, deren Schaffen Bourgeois hier reflektierend gegenüberstellt – zeigt sich ein sensibel austarierter Umgang mit Melodik und Raum. Die Kompositionen sind nicht nur als Jazzstücke zu begreifen, sondern als konzeptionelle Gebilde, die durch wiederkehrende thematische Ideen und motivische Variationen zusammengehalten werden. Die Musik atmet; sie entwickelt sich in kleinen Bögen und Bruchstücken, die immer wieder neue Horizonte eröffnen, ohne laut zu werden. Auf dem Album lässt sich diese musikalische Dichte sehr gut verfolgen: Fein abgestimmte Dynamiken, lebendige Mikrodetails und ein warmer, natürlicher Klang verleihen dem Hörerlebnis eine unmittelbare Nähe zur Performance...
Der Einsatz von Bassklarinette und Saxophon durch Bourgeois selbst sorgt für ein breites, farbiges Spektrum, das von lyrisch-fragilen Momenten bis zu kraftvoll artikulierten Linien reicht. Unterstützt von Alex Koo am Piano, Lennart Heyndels am Kontrabass und Théo Lanau am Schlagzeug, entstehen Klangflächen, die sowohl strukturell als auch emotional vielschichtig sind. Die Beiträge von Harcsa und Courtois fügen zusätzliche texturale Ebenen ein und bereichern das Quartettklangbild durch vokale und streicherspezifische Nuancen...
Lili ist ein Album, das Zeit braucht und auch Zeit gibt: Es belohnt wiederholtes Hören und bietet dabei immer wieder neue Details. Für Vinyl-Enthusiasten bleibt festzuhalten, dass die Produktion klar und präsent wirkt – eine spätere Schallplattenedition könnte diesen akustischen Reichtum noch stärker zur Geltung bringen. Leider gibt es das Album meines Wissens aber nur als CD-Ausgabe. Jedoch ist Lili bereits damit ein eindrucksvolles Statement eines Musikers, der mit einem Fuß im Jazz und mit dem anderen in freier, komponierter Musik steht...
Tracklist:
1. Thèmes et variations #1
2. Hymne au soleil
3. Pie Jesu
4. Thème épique
5. Thèmes d'amour en canon (6te)
6. Thème haut perché
7. Cortège
8. Thèmes et variations #5
9. Jeff (10) épique
10. Vieille prière bouddhique
11. Thème fantômes
12. Thèmes et variations #4
13. Attente
14. Thèmes et variations #2
Weitere Infos und Hörproben:
https://igloorecords.bandcamp.com/album/lili