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V.A. – Shifty 80s (Shifty Records, 22.02.2026)


Mit Shifty 80s erscheint erstmals eine umfassende Vinyl-Zusammenstellung jenes Labels, das in den 1980er-Jahren zum vielleicht wichtigsten musikalischen Sprachrohr des inneren Widerstands gegen das Apartheid-Regime wurde. Diese Compilation ist weniger Rückschau im nostalgischen Sinne als vielmehr ein historisches Dokument, das die Radikalität, Vielfalt und Dringlichkeit jener Szene hörbar macht, die sich in Johannesburg, Kapstadt und darüber hinaus formierte. Dass dieses Material heute auf Vinyl neu aufgelegt wird, ist mehr als folgerichtig: Die physische Präsenz der Platte passt zur Unmittelbarkeit und Rohheit der Aufnahmen, die oft unter prekären Bedingungen entstanden sind... 

Das Besondere an Shifty 80s ist die konsequente Weigerung, sich auf ein Genre oder eine stilistische Klammer festlegen zu lassen. Stattdessen entfaltet sich über beide Seiten hinweg ein musikalisches Panorama, das Punk, Arbeiterchor, Township-Jive, Spoken Word, Folk, Rock und improvisierte Formen gleichberechtigt nebeneinanderstellt. Diese Offenheit war programmatisch: Das Label verstand sich nie als Kurator eines Sounds, sondern als Plattform für Stimmen, die etwas zu sagen hatten – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder musikalischer Sozialisation. Genau das macht die Compilation auch heute noch so zwingend. Aber man sollte auch etwas Expeditionsgeist mitbringen, um die verschiedenen Sounds zu erforschen... 

Chronologisch angelegt, zeichnet Seite A die frühen Jahre der unabhängigen Szene Johannesburgs nach. Die ersten Stücke markieren jenen Moment, in dem der Labelmitgründer selbst Teil dieser explosiven Umgebung wurde und Bands wie National Wake oder Corporal Punishment begannen, musikalische Energie mit politischer Klarheit zu verbinden. Diese Songs wirken auch Jahrzehnte später kompromisslos: roh aufgenommen, direkt gespielt, frei von ästhetischer Glättung. Vinyl verstärkt diesen Eindruck – Nebengeräusche, Bandrauschen und Dynamiksprünge werden nicht kaschiert, sondern Teil der Erzählung... 

Zugleich öffnet sich der Blick schnell über den klassischen Bandkontext hinaus. Beiträge wie die frühen Aufnahmen der Fosatu Worker Choirs oder Stücke aus dem Umfeld kultureller Solidaritätsprojekte zeigen, wie eng Musik, Gewerkschaftsbewegung und politischer Aktivismus miteinander verwoben waren. Hier wird hörbar, dass Widerstand nicht nur laut und aggressiv sein musste, sondern auch kollektiv, ritualisiert und tief in lokalen Traditionen verwurzelt sein konnte... 

Seite B erweitert das Spektrum nochmals deutlich. Spoken Word, Theatermusik und Live-Mitschnitte aus legendären Clubs wie dem Jamesons treten in den Vordergrund. Besonders eindrücklich ist der Auftritt von Mzwakhe Mbuli, dessen Stimme exemplarisch für die Verbindung von Poesie und politischem Protest steht. Ebenso wichtig sind die Beiträge von The Genuines oder Mamu Players, die zeigen, wie sehr Performance, Musik und gesellschaftlicher Kommentar ineinandergreifen konnten. Der Abschluss mit einem tanzbaren, fast euphorischen Jive-Track wirkt dabei keineswegs widersprüchlich, sondern unterstreicht, dass Lebensfreude und Widerstand keine Gegensätze waren... 

Klanglich ist die LP bewusst authentisch gehalten. Man hört, dass viele Stücke ursprünglich auf einfachen Mehrspur- oder sogar Kassettenrecordern aufgenommen wurden. Menschen, die in den 70ern und 80ern ihre Musik aus dem Radio auf Tape aufgenommen haben, kennen das vermutlich noch sehr gut. Gerade auf Vinyl entfaltet das eine eigentümliche Nähe: Diese Musik will nicht gefallen, sie will gehört werden. Shifty 80s ist damit kein bequemes Höralbum, sondern eine Einladung zur Auseinandersetzung – historisch, politisch und musikalisch. Für Vinyl-Enthusiasten ebenso wie für musikgeschichtlich Interessierte ist diese Compilation ein wunderbares Zeitdokument, welches aber auch jede Menge Spaß beim hören macht... 

Links: 


Tracklist (LP):
A1 National Wake – International News · A2 Corporal Punishment – Brain Damage A3 Sankomota – Uhuru 
A4 Kalahari Surfers – Underground 
A5 Mapantsula – Pambere 
A6 DTMB Chor – Hlanganani 
A7 Koos – In Detention ·
B1 The Genuines – The Struggle 
B2 Mamu Players – What a Lie 
B3 Jennifer Ferguson – Ashley’s Song · B4 Mzwakhe Mbuli – Ignorant 
B5 Mr. Mac & The Genuines – Ou Kleine Jannie
B6 The Cherry Faced Lurchers – Shot Down in the Street 
B7 Winston Jive Mix Up – Frog Jive Edit



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