Schon die ersten Töne des Vinyls offerieren dem geneigten Hörer in welche Richtung hier welcher Zug abgeht. Nämlich der Soul-Train! Und der rast ab dem 29. Mai diesen Jahres aus der Hauptstadt in den Rest der Republik und vielleicht auch darüber hinaus. Nach vielversprechenden Auftritten auf diversen Weekendern, Festivals und weiteren Gigs folgt nun das selbstbetitelte Debütalbum der Berliner Formation The Everettes mit ihrem tief in der sechsten Dekade des letzten Jahrhunderts verwurzelten und inspirierten Sound. Diesen Sound dennoch so extrem frisch und modern rüberkommen zu lassen ist dann eben die Kunst der Protagonisten. Eine echte Entscheidung in welches Subgenre man dies alles stecken möchte, lässt sich nicht so leicht treffen. Neo-Soul? Retro-Soul? Northern Soul? Motown oder Stax? Kent? Daptone? Alle diese Fragen könnte man mit einem klaren "Ja!" beantworten. Die Platte ist randvoll mit erstklassigen Mid- und Uptempo-Songs, die selbst den hartnäckigsten Tanzmuffeln auf der Stelle einen gesteigerten Bewegungsdrang verabreicht und schnell zu einem Anstieg der Emotionalität führt.
Entstanden sind The Everettes aus der auch über Szenekreise hinaus bekannt gewordenen Quasi-Vorläufer-Band The Floorettes, von denen hier noch fünf Bandmitglieder übrig sind. The Floorettes, die 2012 mit ihrem Album "Pocketful Of Soul" doch einen beachtlichen Erfolg erzielten, stehen hier auch musikalisch durchaus Pate. Allerdings spürt man bei den Everettes schon eine Art Weiterentwicklung. Die Songs klingen ausgereifter und (ich weiß, ein blöder Terminus) erwachsener. Entwickeln gleichzeitig aber eine ungehörige Power und einen durchgehenden Groove. Die Stücke auf der Platte wurden größtenteils live und analog eingespielt. Vierzehn Titel auf einer Vinyl-LP sind natürlich schon heftig. Einen irgendwie gearteten Qualitätsverlust kann ich allerdings an keiner Stelle feststellen. Und so kann man sich problemlos an der Fülle der allesamt selbst geschriebenen Titel erfreuen, welche die drei Damen in der Frontrow in schwesterlicher Arbeitsteilung und in qualitativer Nähe zu den großen 60s-Girlgroups singen. Zwei der Sängerinnen - Laura Niemeyer und Jess Roberts - sind neu dazu gekommen. Katharina Dommisch war bereits bei den Floorettes dabei. Die Britin Jess Roberts hat bereits auf Eddie Pillers Acid Jazz Records einige Solo-Singles veröffentlicht. Sicher kein Prädikat, welches einem durch Zufall zuteil wird.
