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Miles Davis – Doo-Bop: Der alte Mann und die Beats | Rhino / Warner Records | LP, 140g Vinyl | Reissue 2026


Miles Davis wäre 2026 hundert Jahre alt geworden. Ein Jubiläum, das zwangsläufig eine ganze Reihe von Wiederveröffentlichungen nach sich zog und immer noch zieht. Bei Doo-Bop ergibt eine davon allerdings besonders viel Sinn. Denn ausgerechnet das letzte Album, an dem Davis noch selbst gearbeitet hat, gehörte auf Vinyl lange nicht gerade zu den Platten, die einem für kleines Geld ständig über den Weg liefen. Das Original erschien 1992, mitten im Siegeszug der CD, spätere Vinylauflagen blieben vergleichsweise überschaubar. Rhino bringt Doo-Bop nun wieder als reguläre 140-Gramm-LP zurück – und damit auch ein Album, das einen merkwürdig passenden Schlusspunkt unter eine außergewöhnliche Karriere setzt... 

Wobei Schlusspunkt eigentlich das falsche Wort ist. Denn Doo-Bop klingt weniger nach Abschied als nach der nächsten Baustelle eines Musikers, der zeitlebens wenig Interesse daran hatte, dort zu bleiben, wo man ihn gerade erfolgreich einsortiert hatte. 1991 war Miles Davis 65 Jahre alt – und beschäftigte sich mit Hip-Hop. Etwas was ich selbst - bald 60 und mich erst wenige Jahre selbst mit Hip-Hop und Rap beschäftigend - ziemlich gut nachempfinden kann... 

Heute erscheint die Verbindung fast selbstverständlich. Jazz, Soul, Funk und Hip-Hop lassen sich als verschiedene Generationen einer großen afroamerikanischen Musikgeschichte verstehen, die sich permanent gegenseitig beeinflusst. Hip-Hop machte diese Verwandtschaft durch Sampling sogar unmittelbar hörbar. Anfang der 1990er war diese Erkenntnis im etablierten Jazzbetrieb allerdings längst nicht überall angekommen. Umgekehrt hatten Acts wie Gang Starr oder A Tribe Called Quest den Jazz zu diesem Zeitpunkt bereits tief in ihre eigene musikalische Sprache eingebaut... 

Rock und Hendrix, Sly Stone und Funk, elektrische Instrumente, Synthesizer – neue Musik war für ihn nie automatisch der Feind der alten. Entscheidend war, was sich damit anfangen ließ. Für Doo-Bop holte er den jungen New Yorker Hip-Hop-Produzenten Easy Mo Bee ins Boot. Sechs gemeinsame Stücke waren fertig, als Davis am 28. September 1991 starb. Easy Mo Bee vollendete das Album anschließend; für zwei weitere Tracks griff er auf Trompetenaufnahmen aus den Rubberband-Sessions von 1985 zurück. Am 30. Juni 1992 erschien Doo-Bop schließlich als erstes posthumes Miles-Davis-Album... 

Und natürlich hört man ihm seine Zeit an. Die Beats, Samples, programmierten Drums und Rap-Passagen tragen unverkennbar den Stempel der frühen Neunziger. Das muss man nicht nachträglich zu zeitloser Avantgarde erklären. Aber genau diese Zeitgebundenheit gehört zum Reiz der Platte. Auf Tracks wie The Doo-Bop Song, Chocolate Chip oder Blow wirkt Miles’ Trompete erstaunlich selbstverständlich zwischen den Beats. Sie schwebt darüber, stößt hinein, zieht sich wieder zurück. Nicht Jazz mit ein bisschen Hip-Hop-Dekoration, sondern der Versuch, eine andere rhythmische Umgebung für Miles’ Spiel zu schaffen... 

Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung von Doo-Bop. Miles Davis hat Jazz und Hip-Hop nicht zusammengeführt – diese Begegnung war längst im Gang. Bemerkenswert ist vielmehr, dass einer der bedeutendsten Jazzmusiker des 20. Jahrhunderts mit 65 Jahren noch immer neugierig genug war, sich auf die Musik einer Generation einzulassen, die seine Enkel hätte sein können. Und Miles Davis? Der war offenbar noch lange nicht fertig... 
 
Dass wir nicht wissen können, wohin er diese Idee noch geführt hätte, macht Doo-Bop umso faszinierender. Ursprünglich war sogar ein wesentlich umfangreicheres Projekt angedacht. Sein Tod machte daraus ein Fragment. So betrachtet begegnen sich auf Doo-Bop nicht der alte Jazz und der junge Hip-Hop. Es treffen zwei Generationen derselben musikalischen Familie aufeinander... 

Die nun veröffentlichte 2026er Rhino-Ausgabe erscheint auf 140-Gramm-Vinyl und macht Doo-Bop endlich wieder unkompliziert als neue LP verfügbar. Gerade wer diese etwas abseits der großen Miles-Klassiker stehende Platte bislang nicht in der Sammlung hat, bekommt damit eine erfreulich vernünftige Gelegenheit, diese Lücke zu schließen und ich selbst damit die Möglichkeit, vielleicht die alte und etwas lieblos daherkommende CD endlich auszusortieren... [mkl] 

Die neue Pressung ist derzeit sowohl bei HHV – ⁠ als auch bei jpc –  gelistet - aktuell jeweils für 29,99 €. HHV bestätigt zudem ausdrücklich 140 g Black Vinyl.



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