Disco sucks? Nö! Herr Wade -Happy Blues || VÖ: 2026 – Germany, CD, Album, Limited Edition Bureau Platiruma!!! – PLA056
Herr Wade dreht mittlerweile nicht mehr nur am Kabel, sondern spürbar an der Disco-Kugel – und genau darin liegt die große Stärke vom neuen Album "Happy Blues". Dieses Album verweigert sich der Beliebigkeit einer bloßen Tracklist; es entfaltet sich vielmehr als geschlossener ästhetischer Kosmos. Hier fließen Indiepop, Britpop und ein spürbarer, fast physischer Rave-Impuls so organisch ineinander, dass sie sich gegenseitig in neue Höhen treiben. Dabei ist die Verbeugung vor der Ära von Factory Records und dem Geist der Hacienda kein bloßer Nostalgie-Trip. Madchester dient hier nicht als dekorative Retro-Tapete, sondern als das massive strukturelle Fundament, auf dem diese moderne Architektur ruht...
Das hochfrequente Gespann Voss & Åleskjaer hat sich über die letzten Veröffentlichungen hörbar weiteremanzipiert und verdichtet seinen Ansatz nun zu einer Produktion, die gleichermaßen druckvoll wie detailverliebt ist. Die rhythmischen Strukturen sind teilweise überaus clubtauglich, ohne ihre Indie-DNA zu verlieren, während die Arrangements immer wieder kleine Brüche einbauen, die das Material interessant halten. Die Kompositionen verraten ein tiefes Verständnis für musikalische Dramaturgie, das weit über das bloße Songwriting hinausgeht...
Und dann sind da die Texte – bei Herr Wade ohnehin eine eigene Disziplin. Zwischen ironischer Selbstbeobachtung, kulturreferenzieller Verdichtung und latent melancholischem Unterton positioniert sich die Band souverän in der Traditionslinie deutscher Indiepoeten: Hein, von Lowtzow, Friedrichs, Spilker, Begemann. Diese Schule des klugen, nie zu offensichtlichen Diskurspops wird hier konsequent weitergeführt, ohne museal zu wirken.
Musikalisch ist Happy Blues in allen Belangen erstklassig: Indiehymnen, Dancetracks, Diskurspop – alles auf einer Scheibe und so verwoben, dass es nicht nach Konzept, sondern nach Notwendigkeit klingt. Gerade diese Selbstverständlichkeit ist es, die das Album über viele vergleichbare Produktionen hebt.
Platiruma!!! bleibt sich als Label treu und beweist erneut ein feines Gespür für eigenständige, stilistisch offene Acts. In einem Markt, der oft zwischen Nische und Algorithmus zerrieben wird, wirkt Happy Blues fast wie ein trotziges Statement für kuratierte Popmusik mit Haltung, die es immer wieder schafft, mich aufs neue zu faszinieren...
Ein Album, das sowohl im Wohnzimmer als auch im Club funktioniert – und genau dort seine nachhaltigste Wirkung entfalten würde. Man muß das Biest nur loslassen. "Frag John Travolta wie das geht..."
Link:
https://herrwade.bandcamp.com/
Ergänzend sei erwähnt, dass mit der aktuellen Veröffentlichung auch ein lange überfälliger Schritt nachgeholt wurde: Das mittlerweile beinahe schon als Klassiker zu betrachtende „Herr Wade dreht am Kabel“ ist nun endlich auf Vinyl erschienen. Ein Format, das diesem Sound zwischen analoger Wärme, clubtauglicher Direktheit und textlicher Feinzeichnung ohnehin näher liegt als jede digitale Verdichtung. Dass dieses frühe Referenzwerk jetzt physisch greifbar ist, schärft rückblickend auch den Blick auf Happy Blues – als konsequkte Weiterentwicklung eines Ansatzes, der schon damals angelegt war, heute aber deutlich breiter und souveräner ausgespielt wird. Wer tiefer in die Genese eintauchen will, findet die damalige Einordnung bei 33rpmPVC.de: