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Wo ist die musikalische Gegenwart? Über deutsche Jazzmagazine, ihre blinden Flecken und die Sehnsucht nach einem Heft wie „Uptown Strut“


Ich mag gedruckte Musikzeitschriften. Wirklich... 

Ich meine damit nicht nur die Möglichkeit, Informationen jenseits des Internets zu bekommen. Ich meine das ganze Ritual: Ein neues Heft liegt im Briefkasten oder auf dem Wohnzimmertisch. Man nimmt es in die Hand, blättert ohne Suchmaschine, ohne Empfehlungssystem und ohne den Druck der nächsten Benachrichtigung darin herum. Man bleibt bei einem Foto hängen, liest eine Rezension zu einer Platte, von der man noch nie gehört hat, und entdeckt im Idealfall etwas, nach dem man niemals aktiv gesucht hätte. Ein gutes Musikmagazin hat deshalb für mich einen anderen Wert als ein gutes Onlineportal. Online suche ich gezielt nach etwas. In einem Heft darf mich etwas finden... 

Gerade deshalb bin ich zunehmend enttäuscht von den deutschen Jazzmagazinen. Nicht, weil sie nichts könnten. Nicht, weil dort keine guten Autorinnen und Autoren arbeiten würden. Und auch nicht, weil ich verlange, dass ein Jazzmagazin nur über Künstler schreibt, die ich ohnehin schon kenne. Im Gegenteil: Ich möchte ja Neues entdecken... 

Aber ich möchte mich als langjähriger Hörer, Sammler und Leser wenigstens in einem nennenswerten Teil der musikalischen Welt eines Magazins wiederfinden. Und genau das passiert mir zu selten... 

Nicht zu wenig Anspruch – sondern zu wenig Verbindung

Meine musikalische Welt lässt sich nicht ordentlich in Fächer sortieren. Natürlich weiß ich, was Jazz, Soul, Funk, Blues, Rhythm & Blues, HipHop, Reggae, Northern Soul, Acid Jazz oder Rare Groove jeweils unterscheidet. Ich sortiere auch Platten. Ich kann mich stundenlang über Labels, Pressungen, Musikerbesetzungen oder die richtige Einordnung einer Aufnahme unterhalten. Aber musikalisch gehören diese Dinge für mich zusammen... 

Der Blues ist eine der Grundlagen. Daraus entwickeln sich Rhythm & Blues, Soul und Funk. Jazz und Soul befruchten einander permanent, Musiker wechseln die Kontexte, Labels verändern ihre Profile, einzelne Grooves wandern von der Tanzfläche in den Jazzclub und zurück. HipHop greift auf diese Geschichte zu, sampelt sie, verändert sie und schafft daraus etwas Neues. Reggae, Dub, Disco, House und elektronische Musik stehen ebenfalls nicht außerhalb dieser Erzählung... 

Man kann das alles unter dem Begriff „Black Music“ fassen. Der Begriff ist aber nicht perfekt. Er beschreibt weder eine reine Musikgattung noch eine Musik, die ausschließlich von schwarzen Künstlerinnen und Künstlern gemacht würde. Als historisch-kulturelle Orientierung bleibt er dennoch brauchbar. Er verweist auf afroamerikanische und diasporische Musiken, auf ihre gesellschaftlichen Bedingungen, ihre künstlerischen Erfindungen und ihre enorme Wirkung weit über die ursprünglichen Kontexte hinaus... 

Was ich vermisse, ist ein Magazin, das diese Zusammenhänge nicht als Randthema oder gelegentlichen Ausflug behandelt, sondern als selbstverständlichen Teil seiner musikalischen Perspektive... 

Drei Magazine, drei nachvollziehbare Profile – und dennoch eine Lücke

Der deutsche Markt für überregionale Jazz-Printmagazine ist klein. Im Kern prägen ihn seit Jahren Jazz Podium, Jazzthetik und jazz thing. Alle drei haben ihren Platz. Alle drei erfüllen Funktionen, die man nicht kleinreden sollte... 

Jazz Podium ist das traditionsreichste Heft. Es existiert seit 1952 und hat eine Bedeutung für die deutsche Jazzpublizistik, die man anerkennen muss. Es nimmt improvisierte Musik ernst, gibt unbekannteren Positionen Raum und hat keine Angst vor schwierigen oder sperrigen Themen. Das ist ehrenwert und notwendig... 

Trotzdem ist es für mich als Abonnent auf Dauer nicht das richtige Heft. Ich freue mich immer noch, wenn es kommt. Es gibt Ausgaben mit wirklich starken Texten, interessanten Künstlerporträts und Themen, die anderswo nicht stattfinden. Aber allzu oft bleibt nach dem Durchblättern das Gefühl: Das war jetzt wieder ein Heft aus einer musikalischen Welt, die mit meiner eigenen kaum Berührung hat... 

Es geht mir nicht darum, dass dort zu viele unbekannte Namen auftauchen. Ein Jazzmagazin muss unbekannte Namen bringen. Aber es braucht auch Orientierung. Es sollte nicht so wirken, als fände der große Teil des internationalen Jazzgeschehens – bedeutende Neuveröffentlichungen, Reissues, prägende Labels, bekannte Musikerinnen und Musiker, Diskussionen unter Hörern und Sammlern – irgendwo anders statt. Denn das tun sie... 

Ich bin mehr als jazzinteressiert, höre viel, sammle viel und bewege mich in entsprechenden Gruppen und Gesprächen. Dennoch blättere ich im Jazz Podium regelmäßig durch ein ganzes Heft, ohne dass mir ein einziger Name begegnet, zu dem ich einen Zugang habe oder entwickeln kann. Das ist kein Vorwurf gegen unbekannte Kunst. Es ist ein Problem der Gewichtung... 

Jazzthetik wiederum habe ich immer wieder als Einzelheft in der Hand gehabt. Es ist ein ernsthaftes, oft sehr gut gemachtes Magazin mit einer eigenen ästhetischen und intellektuellen Haltung. Aber es ist im Alltag kaum sichtbar. In den Läden, in denen ich Musikzeitschriften finde, begegnet es mir praktisch nie, allenfalls in größeren Bahnhofsbuchhandlungen. Das kann natürlich an meinem Umfeld liegen. Es ändert aber nichts an der Erfahrung: Ein Magazin, das im Handel kaum auftaucht, kann schwer Teil einer lebendigen breiteren Musiköffentlichkeit werden... 

Am nächsten an meiner Vorstellung war und ist vermutlich jazz thing. Ich bin dort seit Langem Abonnent, und gerade deshalb fällt mir die Kritik nicht leicht. Die älteren Ausgaben erinnere ich als offener, neugieriger und anschlussfähiger. Acid Jazz, Soul-Jazz, Blue Note, Impulse, Funk, HipHop, globale Szenen und Clubkultur waren nicht bloß Dekoration, sondern Teil des redaktionellen Selbstverständnisses... 

Auch heute gibt es gute Ausgaben. Das will ich ausdrücklich sagen. Aber die Verlässlichkeit ist verloren gegangen. Zu oft liegt das neue Heft endlich im Briefkasten, ich freue mich darauf – und stelle dann fest, dass mich keine einzige große Geschichte wirklich interessiert. Für ein Einzelheft kann das passieren. Für ein Abo ist es irgendwann für mich eindeutig zu wenig... 

Deshalb werde ich künftig selektiver kaufen. Nicht aus Trotz, sondern weil ein Abo für mich bedeuten muss, dass die große Mehrheit der Ausgaben etwas enthält, das mich wirklich anspricht. Genau das leistet das Vinyl-Mag MINT bei mir sehr viel häufiger – obwohl auch dort selbstverständlich nicht jede Geschichte meinen persönlichen Nerv trifft... 

Das Beispiel, das zeigt, dass es möglich war

Vielleicht ist die Erinnerung an ein kleines Kölner Magazin aus den Jahren 2008 bis 2011 deshalb so stark: Uptown Strut... 

Es erschienen gerade einmal neun Ausgaben. Das ist wenig. Aber dieses Heft hat etwas geschafft, das heute erstaunlich selten geworden ist: Es behandelte Soul, Funk, Jazz, HipHop, afroamerikanische Musikgeschichte, aktuelle Szenen und Clubkultur nicht als voneinander getrennte Welten... 

Ich bin damals über einen Artikel zu Northern Soul auf Uptown Strut aufmerksam geworden. Genau über solche Wege sollte ein Musikmagazin funktionieren. Man sucht eigentlich nach einem bestimmten Thema, entdeckt ein Heft, nimmt es mit und merkt, hier schreibt jemand nicht nur über ein Genre, sondern mit echter Kenntnis, Neugier und Liebe für ein ganzes musikalisches Geflecht... 

Die frühen Ausgaben waren noch schlanker. Später wurde das Heft umfangreicher, schöner und inhaltlich breiter. Bei mir stehen fast alle Nummern. Als ich den Herausgeber Thomas Berghaus damals anschrieb, schickte er mir freundlicherweise noch die verfügbaren Hefte nach. Auch das gehört zu meiner Erinnerung an Uptown Strut: Es war kein anonymer Medienapparat, sondern ein Magazin mit Haltung, Szeneanbindung und sichtbarer Leidenschaft... 

Die erste Ausgabe hatte unter anderem den Unique Club in Düsseldorf zum Thema – jenen Ort im Umfeld von Unique Records. Spätere Hefte verbanden internationale Künstlerporträts, aktuelle Musik, Soul- und Jazzgeschichte, regionale Szenen und Clubkultur. Es gab eine Radiosendung, Compilations und echte editorische Neugier... 

Natürlich war Uptown Strut kein Massenmagazin. Vielleicht war es wirtschaftlich gerade deshalb nicht dauerhaft zu halten. Aber es ist für mich der Beweis, dass das Konzept, das ich vermisse, kein Luftschloss ist... 

Der Blick nach draußen löst das Problem nicht

Im englischsprachigen Raum gibt es Titel, die einzelne Teile dieser Lücke besser füllen... 

Jazzwise aus Großbritannien wirkt auf mich in vielen Ausgaben wie ein modernes Jazzmagazin, das die Verbindung zwischen Gegenwart, Tradition, bekannten Namen und neuen Szenen ernster nimmt. Es erinnert mich in seiner Offenheit teilweise an das frühere jazz thing... 

The Wire ist wiederum ein ausgezeichnetes Heft – neugierig, klug, ungewöhnlich und angenehm lesbar. Es kommt aus dem Jazz und der improvisierten Musik, behandelt heute aber ein viel größeres Feld aus Avantgarde, Elektronik, freier Improvisation, experimentellem Pop und globalen Szenen. Das ist spannend, aber nicht dasselbe wie ein Jazzmagazin, das Orientierung in der eigenen Hörwelt gibt. Auch dort kenne ich beim Durchblättern oft keinen einzigen Namen. Das kann anregend sein, aber dauerhaft ersetzt es keine musikalische Heimat... 

Echoes ist als britisches Soul-, R&B-, Reggae-, HipHop- und Jazzmagazin vielleicht näher an dem, was ich suche. Und Wax Poetics wäre inhaltlich und gestalterisch fast ein Idealfall: Musikgeschichte, Plattenkultur, HipHop, Soul, Funk, Jazz, globale Szenen und lange, sorgfältige Texte. Aber Wax Poetics ist heute eher ein kostspieliges Sammlerjournal als ein erschwingliches, regelmäßig greifbares Alltagsmagazin... 

Das gilt auch für amerikanische Titel wie DownBeat. Es ist ein traditionsreiches und wichtiges Jazzmagazin, aber mit einem anderen Schwerpunkt. Die USA haben keine einfache Antwort auf das Problem. Sie haben mehr Nischen, größere Märkte und stärkere regionale Szenen – aber kein überall verfügbares monatliches Printheft, das genau diese Verbindung aus Jazz, Soul, Funk, HipHop, Geschichte, Gegenwart und Sammlerkultur dauerhaft überzeugend abbildet... 

Und dann kommen noch die ganz banalen Gründe hinzu: Versand, Zoll, Einfuhrumsatzsteuer und Bearbeitungsgebühren. Ein internationales Heft für acht oder zehn Euro kann am Ende das Doppelte oder Dreifache kosten. Für eine besondere Ausgabe geht das. Als regelmäßige Lektüre ist es absurd... 

Wie ein Jazzmagazin aussehen könnte, das ich sofort abonnieren würde

Ich wünsche mir kein Magazin, das Jazz verwässert. Ich wünsche mir ein Magazin, das Jazz ernst nimmt – gerade indem es ihn nicht aus seiner Geschichte herauslöst... 

Ein solches Heft müsste und sollte natürlich über neue Künstlerinnen und Künstler berichten, über Improvisation, europäische Szenen, freie Musik und die Dinge, die abseits des Mainstreams passieren. Es sollte keine Angst vor Unbekanntem haben. Aber es müsste zugleich ein Gefühl dafür entwickeln, welche Musik gerade tatsächlich gehört, diskutiert, gesammelt, wiederentdeckt und auf Konzerten erlebt wird.

Es müsste Platz haben für:

- große Neuveröffentlichungen und gute Reissues
- Jazzhistorie, gesellschaftliche Zusammenhänge
- wichtige Labels wie Blue Note, Impulse!, Prestige, Strata-East, ECM, 3BM, Muse, Mr Bongo, Jazzman, Soul Jazz, We Jazz oder International Anthem;
- Musikerporträts, die Klassiker und Gegenwart nicht gegeneinander ausspielen;
- Soul-Jazz, Spiritual Jazz, Jazz-Funk, Fusion, Rare Groove, Northern Soul und moderne Clubjazz-Szenen
- die Verbindungen von Jazz zu HipHop, House, Reggae, Dub und elektronischer Musik
- Plattenläden, DJs, Sammler, lokale Clubs und kleine Veranstalter
- Essays über Musikgeschichte, die nicht nach Lexikon klingen
- fundierte, auch widersprüchliche Rezensionen statt bloßer PR-Verlängerung

Vor allem müsste es verständlich bleiben, ohne sich anzubiedern. Anspruch und Zugänglichkeit sind keine Gegensätze. Gute Texte dürfen fordern. Aber sie sollten den Leser nicht mit dem Gefühl zurücklassen, in der falschen Welt zu Hause zu sein... 

Print ist nicht erledigt

Es wird oft so getan, als sei diese Diskussion ohnehin überholt, weil Musikjournalismus heute im Netz stattfinde. Das stimmt nur halb... 

Natürlich recherchiere ich online. Natürlich lese ich Webseiten, höre Podcasts, sehe Interviews und tausche mich in Foren und Gruppen aus. Aber ein gutes Printmagazin ist mehr als die gedruckte Version einer Website. Es bündelt, gewichtet, gestaltet und setzt Schwerpunkte. Es kann einem Leser eine Welt zeigen, die größer ist als der eigene Suchverlauf... 

Vielleicht fehlt deshalb nicht einfach ein weiteres Jazzmagazin. Vielleicht fehlt ein deutschsprachiges Musikmagazin, das Jazz wieder als Teil einer größeren lebendigen Geschichte begreift: als Musik der Clubs und Plattenläden, der Archive und der Gegenwart, der Improvisation und des Grooves, der großen Namen und der noch zu entdeckenden...

Ein Heft, das nicht nur fragt: Was ist neu?Sondern auch: Wo kommt diese Musik her? Wer hört sie? Wer sammelt sie? Wo wird sie gespielt? Und warum bewegt sie uns immer noch?  [mkl] 

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