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Lettuce – Cook (03.12.2025, Lettuce Records)

Wer Lettuce seit den frühen Tagen zwischen Rage! und der jazzig ausgefransten Live-Energie der letzten Jahre verfolgt, weiß: Diese Band denkt Funk nicht als Retro-Schablone, sondern als bewegliche Architektur. Das Sextett aus dem US-„Organic Grooves“-Kosmos hat sich über zwei Jahrzehnte vom Jam-Institutionalismus zur hochpräzisen Groove-Maschine entwickelt – ohne den Schweißfilm zu verlieren. Cook wirkt dabei wie ein bewusst gesetzter Album-Entwurf: kompakter, songorientierter, aber mit genügend Luft für Improvisations-Aromen...  Auf Vinyl (als 2LP in mehreren Varianten erhältlich) funktioniert Cook besonders gut, weil die Dramaturgie in vier Akte zerfällt: kurze, skizzenhafte „Sesshins“-Miniaturen wirken wie Schnittbilder zwischen den Hauptgerichten. Das gibt dem Album Flow, ohne in Beliebigkeit zu kippen. Klanglich ist das eine moderne Lettuce-Produktion: tief gestaffelter Bass, pointierte Drums, eine Bläsersektion, die nicht nur Akzente setzt, sondern Hooks schre...

Keine Stereotypen: Monoland – First (VÖ: 30. Januar 2026, Supermodern Music / 1991 Recordings)

Für Fans der Berliner Shoegaze-Institution Monoland beginnt 2026 mit einem Höhepunkt: Nach nahezu zwei Jahrzehnten der Veröffentlichungspause kehrt die Band mit einer neuen EP zurück – bezeichnenderweise betitelt "First" . Die 1996 gegründete Formation machte einst mit ihrem selbstbetitelten Debüt und den Nachfolgern Cooning (2000) und Ben Chantice (2006) auf sich aufmerksam. Nun läutet First hörbar eine neue Schaffensphase ein – kein nostalgisches Revival, sondern eine konsequente Weiterentwicklung ihres Klangkosmos...  Schon beim ersten Hören wird klar: Monoland knüpfen an ihre atmosphärisch dichten Soundlandschaften zwischen Shoegaze, Post-Rock und Indie-Pop an. Klingen 2026 aber gereifter und deutlich fokussierter denn je. Mächtige, in Hall getauchte Gitarrenwände und warme analoge Texturen verschmelzen mit subtilen elektronischen Schichten zu einem vielschichtigen Klanggewebe voller Weite und Melancholie. Produziert wurde die Scheibe im Berliner Studio von He...

Mahler/Fondermann – Neu, gebraucht, Geliehen & Verraucht [Gastbeitrag: Dirk Hanke]

Kurz vor dem Jahreswechsel 2026 ist bei mir dann noch ein echtes Highlight auf dem Plattenteller gelandet: Mahler/Fondermann, ein Hamburger Musikprojekt, veröffentlichen ihr Debütalbum „Neu, Gebraucht, Geliehen & Verraucht“...  Zwei seit Jahren bekannte Größen der Hamburger Underground-/Punkszene haben sich zusammengetan und liefern eine äußerst stimmige Mischung aus Alternative, Post-Punk und Punk. Mit dabei sind Stephan Mahler (u. a. Slime, Angeschissen, Torpedo Moskau) und Ritchy Fondermann, Betreiber des K-Klang-Studios, in dem er unter anderem mit Bärchen und den Milchbubies sowie Rocko Schamoni gearbeitet hat. Spannend: Neben neuem Material gibt es auch Neuinterpretationen und unveröffentlichtes Material älterer Stücke, wie beispielsweise „Trauertränen“ von Torpedo Moskau...  Unterm Strich: ein absolut hörenswertes Erstlingswerk. Mein persönlicher Anspieltip(p): „Schattenvogel“...  https://www.youtube.com/watch?v=grzx29GkF7s&list=RDgrzx29GkF7s...

MF Doom – MM..Food [2020 – US – Reissue – LP Green and Pink Vinyl Rhymesayers Entertainment – RSE0084-1]

Schmatzen, süffige Beats und ein maskierter Supervillain am Küchentisch – MF DOOMs MM..Food ist alles andere als ein gewöhnliches Hip-Hop-Album. Der 2004 erschienene Underground-Klassiker wurde 2020 endlich in einer aufwendigen Vinyl-Neuauflage wiederveröffentlicht, aufgeteilt auf zwei farbige LPs (giftgrün und pink) im stilechten „Food“-Design. Bereits das originelle Wortspiel im Titel (ein Anagramm seines Künstlernamens) deutet an, was einen erwartet: Ein Konzeptalbum rund ums Essen, serviert vom wohl mysteriösesten Charakter des Hip-Hop-Undergrounds...  MF DOOM, bürgerlich Daniel Dumile, hatte sich nach frühen Erfolgen und Schicksalsschlägen (zunächst als Teil der Gruppe KMD) Ende der 90er als maskierter Einzelgänger in der Szene zurückgemeldet. Sein Comeback-Album Operation: Doomsday (1999) etablierte ihn schlagartig als Legende des Underground-Rap mit unverkennbarem Stil. In den Jahren 2003/2004 folgte eine kreative Hochphase: Neben Kollabo-Meisterwerken wie Madvil...

Ken McIntyre With Eric Dolphy – Looking Ahead (25.07.2025, Prestige/New Jazz – OJC Series)

Manche Debüts wirken im Rückspiegel wie eine Weggabelung – nicht, weil sie laut „Revolution“ rufen, sondern weil sie eine neue Grammatik andeuten. Looking Ahead gehört genau in diese Kategorie: aufgenommen am 28. Juni 1960 im Van-Gelder-Studio in Englewood Cliffs und Anfang 1961 auf New Jazz veröffentlicht, produziert von Esmond Edwards. Das Album dokumentiert Ken McIntyre in einem Moment, in dem Kompositionsdisziplin und die aufbrechende Sprache der frühen 60er nicht gegeneinander arbeiten, sondern sich gegenseitig schärfen...  McIntyre (später aka Makanda) war nie „nur“ Altsaxofonist: als Multiinstrumentalist und Komponist – und später als prägender Pädagoge, der u. a. 1971 an der SUNY Old Westbury ein African American Music Program gründete – denkt er strukturell, ohne die Spontaneität zu beschneiden. Eric Dolphy wiederum war zu diesem Zeitpunkt bereits eine Art Katalysator: ein Multiinstrumentalist, der auf Alto, Flöte und vor allem Bassklarinette das Vokabular de...

Havanna bei Nacht: Roberto Fonseca & Vincent Segal - Nuit Parisienne à La Havane [Artwork Records / VÖ: 30.01.2026]

„Besuchen Sie Havanna, solange es noch steht“ … In Abwandlung des 80er-NDW-Hits der Band Geiersturzflug und der derzeitigen Weltlage um die Ambitionen des zwar geistig auf dem Niveau eines Vorgartenzwergs feststeckenden, aber im Besitz geballter militärischer Macht befindlichen orangenen Imperators aus dem Weißen Haus ist diese Frage gar nicht so unberechtigt und eigentlich auch nicht so lustig, wie es sich hier anhören soll. Aber genug des Exkurses, den ich mir hier nicht verkneifen konnte. Also Stichwort: Eine Pariser Nacht in Havanna … Der kubanische Pianist Roberto Fonseca, bekannt als ein ehemaliges Mitglied des Buena Vista Social Clubs und diverser Kollaborationen mit zum Beispiel Herbie Hancock, Esperanza Spalding oder auch Gilles Peterson, hat sich mit dem renommierten französischen Cellisten Vincent Segal, der bereits auch Zusammenarbeiten mit Elvis Costello und Ibrahim Maalouf vorweisen kann, zusammengeschlossen und diesen intimen musikalischen Dialog geschaffen …...

Mark Pringle - New Customers [VÓ: 12.12.2025 || Boomslang Records]

"Oh, Alien Sex Fiend machen jetzt Jazz" - das war mein erster Gedanke beim ersten Hören des Titeltracks von Mark Pringles neuen Album "New Customers". Und das ist durchaus nicht negativ gemeint, denn ich liebe Alien Sex Fiend, und ich liebe Jazz. In nahezu allen Ausprägungen. Und eben auch wenn es sich, wie in diesem Fall, meiner Ansicht nach schon um schwer verdauliche Kost handelt, die ich eher in den Bereich Kunstmusik buxieren würde. So eine Scheibe muß man hören wollen... Und gut! Da ist der britische Berliner mit seiner Crew bei mir doch genau auf den Richtigen gestoßen. In der richtigen Stimmung und mit der gleichen Chuzpe angetreten, wie die doch recht hochkarätig besetzte Formation, habe ich mich durch das von Ton zu Ton immer stimmiger werdende Werk treiben lassen. Irgendwas muß ja auch dran sein, an einem Musiker, der immerhin für den deutschen Jazzpreis nominiert wurde... Und in der Tat, fängt das Album irgendwann an, an meine musikempfindlic...

Deadeye - In Orbit [VÖ: 22.11.2025 | Budapest Music Center Records]

"In Orbit", bereits am 21.11.2025 veröffentlicht, ist Deadeyes dritte Veröffentlichung und wirkt wie ein Update der klassischen Hammond-Gitarre-Drums-Formel. Nicht als Retro-Statement, sondern als Labor, in dem Jazzrock-Energie, Delta-Blues-Schwere, britische Folk-Schatten und moderne Klassik ganz selbstverständlich zusammenfinden. Aufgenommen in Köln im Salon de Jazz und in Berlin gemastert, bleibt der Sound angenehm „in the room“. Viel Luft um die Hammond, eine Gitarre, die auch bei dichten Voicings nicht zum Teppich verklebt, und Drums, die Attack liefern, ohne Details plattzudrücken. Bei knapp 39 Minuten (38:53) entsteht ein Albumfluss, der weniger über „Themen“ als über Reibung funktioniert: kleine Tempowechsel, absichtsvoll kantige Übergänge, dann wieder Momente, in denen sich alles wie von selbst in eine dunkle, schwebende Ruhe zieht... Reinier Baas hat sich in der niederländischen Szene u.a. im Duo mit Ben van Gelder sowie in Projekten wie Bughouse/Paradox...

Statement gegen Glätte: D/Troit - The Whammy Session [Crunchy Frog | VÖ: 30.10.2025]

Mit The Whammy Session legt D/Troit ein Album vor, das weniger auf klassische Songdramaturgie als auf performative Energie setzt. Schon der Titel deutet an, das es sich hier um ein live und in einem Take eingespieltes Album (besser gesagt eine EP) handelt und um die ästhetische Entscheidung, diese Experimente nicht zu glätten, sondern hörbar roh zu belassen...  Musikalisch bewegt sich das Album, ähnlich dem kürzlich hier noch besprochenen  dritten Studiowerk, in einem Spannungsfeld aus klassischem Soul-Fundament, improvisatorischer Offenheit und einer deutlichen Affinität zu Funk, R&B und Rock'n'Roll. Genau hier liegt eine der Stärken der Platte: Trotz der Livesituation klingt das Zusammenspiel der Musiker wie in einem Studio eingespielt, nur das der Sound eindeutig rauer und direkter rüber kommt...  Im Kontext der bisherigen Veröffentlichungen von D/Troit wirkt The Whammy Session wie eine bewusste Fokussierung. Wo frühere Arbeiten stärker zwischen Songfor...

33rpmPVC – Top Fifteen Alben des Jahres 2025

Auch 2025 war kein Jahr für schnelle Urteile. Viele dieser hier aufgelisteten Platten haben Zeit gebraucht, einige haben sofort gezündet, andere sich erst mit jeder weiteren Umdrehung auf dem Plattenteller bei mir festgesetzt. Es gab noch eine ganze Reihe weiterer Scheiben, die hierfür zur Debatte standen. Aber letztlich bin ich mit der Auswahl und auch der Rangfolge recht zufrieden... Hier sind sie – 33rpmpvc's fünfzehn Alben des Jahres 2025:  15 – Nichts – Tiefschwarz Düster, kantig, kompromisslos und immer noch relevant. Kein Wohlfühl-Post-Punk, sondern klare Ansagen und härter als je zuvor. Kein Album für jeden Tag – aber eines, das hängen bleibt, wenn man es zulässt...  14 – Kokoroko – Tuff Times Never Last Kokoroko bleiben ihrer Linie treu, ohne sich zu wiederholen. Warm, organisch, weltoffen, mit deutlich mehr Soul und Funk als beim Debüt. Starkes Statement und ein Album mit Langstreckenqualitäten...  13 – Simon Oslender – On A Roll Live Live-Alben sind...

Johannes Arzberger – Rebirth (28. Nov 2025, Block Opera)

Johannes Arzbergers Rebirth ist kein bloßes Album, sondern moderner Jazz der radikal Grenzen auslotet und dabei bewusst genreübergreifend arbeitet. Auf den dreizehn Instrumentalstücken verschmilzt der in Braunschweig stationierte Pianist, Komponist und Produzent die organische Sprache des Jazz mit Elementen aus Hip-Hop, IDM und Trip-Hop, ohne den roten Faden seiner musikalischen Vision zu verlieren. Arzberger tritt hier auch durchaus - auch qualitativ - in die Fußstapfen von Kollegen des Formats Madlib... Wundern sollte dies eine nicht unbedingt, denn Arzberger, der auf eine solide klassische Ausbildung zurückblickt, hat jahrelange Erfahrung als Begleiter und Komponist u. a. für deutschsprachige Hip-Hop-Acts. Er nutzt auf Rebirth ein breit gefächertes Instrumentarium von Vintage-Synths über modulare Sounds bis zu perkussiven Texturen. Seine klanglichen Experimente entfalten eine bemerkenswerte Plastizität: feine Nuancen, Raumeffekte und subtile Texturverschiebungen lassen s...

Würdevolle Rückkehr einer französischen New-Wave-Instanz: Martin Dupont – You Smile When It Hurts (05.12.2025, Caravane)

Auf You Smile When It Hurts melden sich Martin Dupont, die längst kultisch verehrte Ikone der französischen New-Wave-Szene der frühen Achtziger, mit einem Studioalbum zurück, das sowohl retrospektiv als auch unerschrocken modern klingt. Die Band um Alain Seghir und Beverley Jane Crew, die in Marseille einst einen eigenen melodischen, zugleich kühlen Sound zwischen Post-Punk, minimalistischer Elektronik und poetischer Melancholie entwickelte, hat in den letzten Jahren durch Reissues und Tribute-Adaptionen wieder an Bedeutung gewonnen – nun knüpft dieses neue Werk organisch an ihr Erbe an, ohne es bloß zu reproduzieren...  Die Vinyl-Ausgabe legt dabei den Fokus auf reich gewebte Klangflächen: Analoge Synthesizer begegnen klassischen Instrumenten und zeitgenössischer Produktion, Stimmen und Arrangements verweben sich zu einem dichten, emotionalen Texturspiel. Auf meinem eigenen Plattenspieler offenbart You Smile When It Hurts eine Tiefe, die im Vergleich zu früheren Alb...

Oh, Vienna...: The Ghost And The Machine – Sorrows (14.11.2025, Fullmax Recordings)

Im Spannungsfeld zwischen Folk, Indie und dunkelrockiger Melancholie legt The Ghost And The Machine mit Sorrow ein Album vor, das eine bemerkenswerte Dichte erreicht. Der Wiener Songwriter Andreas Lechner, seit über einem Jahrzehnt eine feste Größe im europäischen Indie-Kosmos, lotet hier persönliche wie kollektive Verletzlichkeit aus und schafft aus ihr einen Ton, der auf Vinyl besonders organisch und unmittelbar wirkt. Der bewusst analoge Ansatz – von Resonator-Gitarren über nostalgische Synthesizer bis zur subtil eingewobenen singenden Säge – verleiht dem Klangkörper eine greifbare Textur, die in der warmen Rille der LP ihre volle Wirkung entfaltet und sich klar gegen den heutigen Streaming-Einheitsbrei stellt...  Im Gegensatz zu früheren, teils offener gestimmten Werken wirkt Sorrows wie eine konzentrierte Reflexion: dunkel, roh und zugleich poetisch. Die zwölf Tracks entfalten ein narratives Gefüge, in dem Herzschmerz, Verlust und Hoffnung nicht nur thematisch, s...

Thomas D x Flo Mega & The KBCS feat. GU – Hier für dich (Unique Records, ORIGU)

Diese 7"-Single bringt zusammen, was im deutschen Soul- und Hip-Hop-Kosmos selten so stimmig ineinandergreift: Haltung, Handwerk und echtes musikalisches Vertrauen. Thomas D nutzt hier nicht die Pose des Veteranen, sondern die Rolle des Erzählers, der gelernt hat, Raum zu lassen. Seine Stimme wirkt geerdet, unaufgeregt, fast beiläufig – und genau darin liegt ihre Stärke. Flo Mega ergänzt dieses Fundament mit jener rauen Wärme, die ihn seit Jahren zu einer der eigenständigsten Figuren zwischen Soul, Funk und Rap macht. Getragen wird das Ganze von The KCBS, deren Ruf als eine der tightesten deutschen Soul-Bands kein Marketingmythos ist. Der Groove sitzt tief, organisch, analog gedacht, ohne Retro-Fetischismus. GU fügt sich mit zurückhaltender Präsenz ein und verstärkt den Song noch emotional. Auf Vinyl entfaltet das Zusammenspiel eine besondere Wirkung: Die 7" klingt kompakt, druckvoll und ehrlich, mit einer Dynamik, die digitale Formate oft einebnen. Im Kontext der...

Soma Camara – Soma Camara (14.11.2025, Q-Sounds Recording) - Out Now as Super Limited Vinyl Edition!

Soma Camaras Debüt wirkt wie ein dokumentarischer Schnappschuss aus zwei Welten, die selten in dieser Intimität miteinander verschmelzen. Die weiten, sandfarbenen Klangvorstellungen der Soninke-Musik seiner Herkunft und der urbane, manchmal rau anmutende Alltag von Seine-Saint-Denis, dem französischen Département, das seit Jahrzehnten zugleich Schmelztiegel, sozialer Brennpunkt und kulturelles Labor ist...  Soma Camara nutzt dieses Spannungsfeld nicht als Folklore, sondern als notwendige Selbstverortung. Man spürt sofort, wie eng sein Vokabular aus soninkesprachigem Gesang, reduzierten Hook-Figuren und autobiografischem Erzählen mit seiner Biografie verwoben ist, auch wenn man als Autor dieser Zeilen der Sprache in den Songs nicht mächtig ist..  Dass dieses Album ausgerechnet auf Q-Sounds Recording erscheint, überrascht nur auf den ersten Blick. Das kleine und doch so kraftvolle Soul-Label aus dem Pariser Umland hat sich in den vergangenen Jahren zwar vor allem mit...

„This Is DJ’s Choice, Vol. 5 – Henry Storch“ [Unique Records | Schubert Music Europe | VÖ: 05.12.2025]

„This Is DJ’s Choice, Vol. 5 – Henry Storch“ wirkt weniger wie eine weitere Compilation und mehr wie eine Einladung, sich für eine gute Stunde in Henrys Plattenkiste zu setzen. Nicht chronologisch sortiert, nicht nerdig-akademisch, sondern so, wie DJs ihre Lieblingsplatten wirklich benutzen: als zuverlässiger Schnellzugriff für den Moment, in dem der Laden kippen soll – nach vorne...  Kontext: Was ist überhaupt „DJ’s Choice“? Die Reihe läuft seit 2008 bei Unique Records. Die Idee: Szene-DJs und Kurator:innen stellen jeweils ihre Definition einer guten Compilation von Soul-, Funk-, und artverwandten Club-Sounds zusammen – unter anderem waren schon Keb Darge, Marc Hype, DJ Suspect und zuletzt GU an der Reihe beteiligt.. Vol. 5 ist nun eine besondere Ausgabe. Sie wurde ursprünglich noch zu Lebzeiten von Unique-Gründer Henry Storch gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Eddie Piller angedacht, aber nie fertig. Erst jetzt, einige Jahre nach Henrys tragischem Tod 2018, ...

Weltumspannendes aus Brasilien: Mauricio Fleury – Revoada (VÖ: 05.12.2025, Altercat Records)

Mauricio Fleurys Solo-Debüt „Revoada“ liest sich wie eine kluge, behutsam arrangierte Kartografie seiner musikalischen Wanderjahre – vom vibrierenden São Paulo via Berlin bis hin zu den Schallplattenhändler:innen Istanbuls. Weniger ein Album voll separater Kompositionen, als ein kohärenter Hörtrip: ein Groove-Jazz-Geflecht mit viel Soul, brasilianischer Tradition, melancholischem Psych-Gefühl und der Virtuosität, die man von dem früheren Afrobeat-Kollektiv Bixiga 70 kennt, deren Mitbegründer Fleury war...  Fleury, dominierend an Fender Rhodes, Hammond, Klavier und Synths, versteht sich als Digging-Künstler und Sammlerästhet — der Vinyl-Bewahrer (und selbst Sammler), der bei jeder Rille auf Geschichten hört und Werte sammelt. Dieses Gespür für Klang und Ästhetik durchzieht „Revoada“. Die Produktion wirkt warm, analog und räumlich — als ob das Album bewusst für das Vinylmedium konzipiert wurde. Die limitierte LP-Edition mit Artwork und OBI-Band macht das Kunstwerk kompl...

SML – How You Been (VÖ: 07.11.2025, International Anthem)

Mit "How You Been" legt das Los-Angeles-Quintett SML – Anna Butterss (Bass), Jeremiah Chiu (Synths), Josh Johnson (Saxofon), Booker Stardrum (Drums) und Gregory Uhlmann (Gitarre) – sein zweites Album vor, erneut auf dem Kuratoren-Label International Anthem. Statt klassischer Studiosessions arbeitet die Band wieder mit einem Collage-Ansatz: Mitschnitte verschiedener Shows werden im Nachhinein zu neuen Stücken zerlegt, montiert und verdichtet. Was beim Debüt noch nach kühner Versuchsanordnung klang, wirkt hier wie eine ausgebaute Methode – komplexer, aber zugleich intuitiver...  Musikalisch sitzt SML genau in jener Reibungszone, in der sich elektroakustischer Jazz, Postrock-Impulse und clubtaugliche Grooves gegenseitig befeuern. Die Stücke verschieben permanent die Perspektive: hyperaktive Rhythmen, gläserne Synthflächen, plötzlich aufflackernde Saxofonfiguren, Gitarren, die eher timbral als solistisch denken. Trotzdem bleibt das Ganze überraschend körperlich – kein...

Calamite zünden ihr Debüt – mit Haltung (VÖ: 05.12.2025, Label: Signal Source Music)

Das selbstbetitelte Debüt der Berliner Formation Calamite wirkt wie ein konzentriertes Destillat aus vier individuellen Klangpersönlichkeiten, die ihre Stärken nicht gegeneinander ausspielen, sondern miteinander verweben. Mit Mathilde Vendramin und Helena Montag stehen gleich zwei Stimmen im Zentrum, die jedoch weit mehr sind als reine Vocal-Front: Beide arbeiten intensiv mit Effekten, Texturen und klanglichen Schichtungen, die dem Album seine psychedelisch flirrenden Ränder verleihen. Gleichzeitig halten Paul Lapp am Bass, Synthesizer und mit eigener Stimme sowie Leon Griese am Schlagzeug das rhythmische und atmosphärische Fundament zusammen — ein Fundament, das erstaunlich variabel reagiert, mal pulsierend, mal fragil, mal fast bedrohlich organisch...  Die Warmtönigkeit des Albums verstärkt die schwebenden Stimmen, die oftmals wie zusätzliche Instrumente eingesetzt werden und sich mit Bassläufen, Synth-Flächen und einem ausgesprochen dynamischen Schlagzeugspiel zu ein...

Warm, ehrlich und groovend: „Humanity“ von Kennedy Administration überzeugt (VÖ: 21.11.2025, Label: Leopard)

Das neue Album " Humanity " von Kennedy Administration ist ein bislang beeindruckender Höhepunkt einer Entwicklung, die Soul , Funk , Jazz und Pop zu einer organischen Einheit verschmilzt. Die LP-Ausgabe (180g Vinyl) fühlt sich vom ersten Auspacken an wie ein Statement: haptisch solide, atmosphärisch dicht – und sie verlangt bewusstes Hören... Bereits auf dem Opener „Better Way“ offenbart sich der große Trumpf des Albums: die wandelbare, warme Stimme von Ms. Kennedy, getragen von einem subtilen Groove und einer Arrangement-Sorgfalt, die man selten derart durchdacht im modernen Soul hört. Begleitet wird sie von Ondre J, dessen musikalische Empfindsamkeit und Hintergrund im Jazz/R&B dem Sound eine kluge, zugleich elegante Tiefe geben... Im Titelsong „Humanity“ wie auch im groovig-rockigen „Reject Song“ — bei dem ein Gastsolo von Mark Lettieri (bekannt von Snarky Puppy ) für markante Farben sorgt — zeigt die Band, wie viel Raum zwischen Funk und emotionaler Di...