Zwei Seiten derselben Idee – Gregory Uhlmann - Extra Stars [IARC0107] & Whitney Johnson, Lia Kohl, Macie Stewart - Body Sound [IARC0108] auf International Anthem, 2026
Es gibt Labels, deren Veröffentlichungen trotz unterschiedlichster Künstler sofort als Teil einer gemeinsamen Vision erkennbar sind. International Anthem aus Chicago gehört zweifellos dazu. Seit der Gründung 2014 hat sich das Label zu einer der wichtigsten Adressen für zeitgenössischen Jazz, Improvisation, Ambient und experimentelle Kammermusik entwickelt. Statt Virtuosität oder eingängiger Melodien stehen Atmosphäre, Raum und das bewusste Ausloten von Klang im Mittelpunkt. Genau in diese Tradition reihen sich Gregory Uhlmanns EXTRA STARS (IARC0107) und BODY SOUND von Whitney Johnson, Lia Kohl und Macie Stewart (IARC0108) nahtlos ein...
Gregory Uhlmann arbeitet auf Extra Stars mit einer bemerkenswerten Ökonomie der Mittel. Gitarren, dezente Elektronik und vereinzelte Gäste – darunter Alabaster DePlume, Josh Johnson oder Anna Butterss – formen kleine Klangminiaturen, die sich eher entfalten als entwickeln. Das Album bewegt sich zwischen improvisierter Musik, Folk, Ambient und minimalistischer Elektronik und lebt von feinen Nuancen statt großen Gesten...
Noch konsequenter verfolgt das Werk BODY SOUND diesen Ansatz. Whitney Johnson (Viola), Lia Kohl (Cello) und Macie Stewart (Violine) begreifen den Aufnahmeraum selbst als viertes Ensemblemitglied. Resonanzen, Stille und natürliche Nachhallräume werden zu kompositorischen Elementen. Das Ergebnis erinnert stellenweise eher an eine Klanginstallation oder eine meditative Raumerfahrung als an ein klassisches Album...
Beide LPs verkörpern die Philosophie von International Anthem nahezu exemplarisch. Gleichzeitig zeigen sie aber auch, warum das Label bis heute polarisiert. Persönlich erreichen mich diese Veröffentlichungen weniger als andere Arbeiten aus dem Katalog – etwa SMLs großartiges "Spontaneous Music Live", über das hier in Kurze aauch ein Artikel erscheinen wird... .
Über weite Strecken bleiben Extra Stars und BODY SOUND bewusst zurückhaltend, beinahe kontemplativ. Mir fehlt hier gelegentlich ein Moment, an dem sich die aufgebaute Spannung wirklich entlädt. Das ist jedoch keine Kritik an der Qualität der Musik, sondern vielmehr Ausdruck einer Hörpräferenz.
Unabhängig davon bewegen sich beide Produktionen auf höchstem Niveau. Die 140-Gramm-Pressungen von Pallas sind hervorragend gefertigt, die von Daniel K. bei SST geschnittenen Lacke liefern ein offenes, äußerst detailreiches Klangbild, und die gewohnt hochwertige Gestaltung mit Reverseboard-Cover, OBI-Strip und gefütterten Innenhüllen unterstreicht den Premiumanspruch des Labels...
Wer International Anthem für seine entschleunigte, konzentrierte Klangästhetik schätzt, wird an beiden Veröffentlichungen große Freude haben. Wer dagegen – wie ich – gelegentlich etwas mehr Reibung, Dynamik oder Überraschung sucht, dürfte eher zu anderen Titeln des beeindruckenden Labelkatalogs greifen...
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