Kapitel 11 – Hiromasa Suzuki: Der Mann zwischen den Welten
Wie der Pianist, Keyboarder, Komponist und Arrangeur die Grenzen zwischen Jazz, Funk, Rock und Fusion durchlässig machte
Wenn man die Geschichte des Wamono nur über die großen Namen und die gesuchten Originalpressungen erzählt, übersieht man leicht, wie eng diese Szene tatsächlich miteinander verflochten war. Hiromasa Suzuki ist dafür vielleicht das beste Beispiel. Sein Name taucht an entscheidenden Stellen immer wieder auf: bei Terumasa Hino, Akira Ishikawa und Jiro Inagaki, als Pianist und Keyboarder, als Komponist und Arrangeur – und schließlich als Bandleader mit eigenen Platten.
Suzuki, 1940 geboren und 2001 gestorben, gehörte zu jener Generation japanischer Musiker, die den Jazz nicht als fest umrissenes Regelwerk verstand. Für ihn war er Ausgangspunkt. Von dort aus führten die Wege in Funk und Soul, in Rock und elektronische Klangfarben, in Film- und Fernsehmusik und schließlich in jene Übergangszone, die man in den siebziger Jahren noch eher Crossover nannte und später als Fusion selbstverständlich akzeptierte.. Gerade deshalb passt Suzuki so gut in diese Geschichte. Wamono lebt von solchen Übergängen...
Die japanische Jazzszene hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg intensiv mit amerikanischen Vorbildern auseinandergesetzt. In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren änderte sich jedoch etwas Entscheidendes: Immer mehr Musiker wollten nicht länger nur beweisen, dass sie Hard Bop, Modal Jazz oder Soul Jazz auf internationalem Niveau spielen konnten. Sie begannen, die Frage nach einer eigenen Sprache zu stellen.
Hiromasa Suzuki beantwortete diese Frage nicht mit einem einzigen Stil. Seine Stärke lag vielmehr im Verbinden. Das akustische Piano stand neben Fender-Rhodes-artigen E-Piano-Klängen, Synthesizer neben Bläsersätzen, Funkrhythmen neben Jazzharmonik. Tradition und Moderne waren für ihn keine Gegensätze, sondern Material.
Das macht seine Musik auch heute so interessant. Sie trägt deutlich die Signatur ihrer Entstehungszeit und wirkt dennoch selten museal. Suzuki war kein Purist. Er war ein Musiker, der Möglichkeiten hörte...
Besonders deutlich wird das auf „Rock Joint Biwa – Kumikyoku Furukotofumi“ von 1972. Schon die Besetzung zeigt, wie radikal die Idee war: Suzuki an Piano und Keyboards, dazu Bass, Schlagzeug, elektrische Gitarre und Bläser – aber ebenso Biwa und japanische Trommeln.
Der entscheidende Punkt ist, dass die traditionellen Instrumente hier nicht wie folkloristische Dekoration behandelt werden. Sie werden Teil eines zeitgenössischen Ensembles. Rock, Jazz und japanische Klangtradition begegnen sich auf Augenhöhe...
Genau an solchen Platten lässt sich erklären, warum Wamono als Begriff mehr leisten kann als eine einfache Genrebezeichnung. Es geht nicht bloß um „japanischen Jazz“. Es geht um eine spezifische Art, internationale musikalische Entwicklungen aufzunehmen, sie durch die eigene kulturelle Erfahrung zu filtern und daraus etwas Neues entstehen zu lassen.
„Rock Joint Biwa“ ist dafür beinahe ein Lehrstück – und zugleich eine Platte, die zeigt, wie experimentierfreudig die japanische Szene bereits zu Beginn der siebziger Jahre war...
Vier Jahre später klingt die Welt bereits anders. „High-Flying“, 1976 aufgenommen und im selben Jahr bei Nippon Columbia veröffentlicht, steht an der Schwelle zwischen Jazz-Funk, Crossover und Fusion...
Die Besetzung liest sich heute wie ein kleines Who’s who der japanischen Szene: Jiro Inagaki spielt Saxofon und Flöte, Jun Fukamachi Synthesizer und Keyboards, an den Gitarren finden sich unter anderem Kiyoshi Sugimoto und Masayoshi Takanaka, am Schlagzeug Shuichi „Ponta“ Murakami. Produziert wurde die Platte von Jiro Inagaki...
Das ist genau jenes Netzwerk, von dem wir bereits in Teil 2 dieser Wamono-Reihe gesprochen haben. Musiker erscheinen nicht isoliert, sondern immer wieder in neuen Konstellationen. Ideen wandern von einer Session zur nächsten.
Auf „High-Flying“ wird Suzuki zum Architekten dieses Ensembles. Er komponiert und arrangiert, spielt Piano, E-Piano, Synthesizer und Keyboards. Der Sound ist funky, elektrisch und ausgesprochen körperlich. Trotzdem bleibt genügend Raum für jazztypische Offenheit. Die Stücke wirken sorgfältig gebaut, aber nie steril...
Das Album markiert einen Punkt, an dem die Grenzen endgültig verschwimmen: Ist das noch Jazz? Jazz-Funk? Crossover? Frühe Fusion? Die sinnvollste Antwort lautet vielleicht: Es ist alles davon – und genau deshalb ist es Wamono...
Suzukis Bedeutung erschöpft sich nicht in seinen Jazzplatten. Er arbeitete weit über die Szene hinaus als Komponist und Arrangeur für Film, Fernsehen und Animation. Auch darin zeigt sich eine Besonderheit der japanischen Musikwelt jener Zeit: Die Trennlinien zwischen vermeintlich „ernster“ Jazzarbeit, Studiomusik, Pop und angewandter Musik waren häufig erstaunlich durchlässig...
Für einen Musiker wie Suzuki bedeutete das nicht zwangsläufig einen künstlerischen Widerspruch. Im Gegenteil: Wer für unterschiedliche Formate komponiert, lernt, Klangfarben, Dramaturgie und Arrangement immer wieder neu zu denken...
Diese Offenheit werden wir im weiteren Verlauf von Teil 3 noch brauchen. Denn spätestens wenn wir uns City Pop, Soul, Disco und Boogie zuwenden, wird deutlich werden, dass die Wamono-Geschichte nicht sauber in Genres zerlegt werden kann. Musiker, Studios, Produzenten und musikalische Ideen überschneiden sich ständig.
Hiromasa Suzuki steht genau an einer dieser Kreuzungen...
Warum Hiromasa Suzuki wichtig bleibt
Vielleicht gehört Suzuki international nicht zu den Namen, die einem beim Stichwort Japanese Jazz zuerst einfallen. Gerade das macht ihn für unsere Reise so interessant. Er verkörpert weniger den Mythos des einsamen Genies als die enorme Beweglichkeit der japanischen Musikszene. Er konnte Sideman und Bandleader sein, Jazzpianist und Synthesizerspieler, Arrangeur und Soundtrack-Komponist. Und er bewegte sich zwischen all diesen Rollen, ohne seine musikalische Identität zu verlieren.
Wer verstehen möchte, wie aus der japanischen Jazzbegeisterung der Nachkriegszeit jene stilistische Vielfalt entstehen konnte, die heute unter Wamono wiederentdeckt wird, sollte deshalb genau auf Musiker wie Hiromasa Suzuki hören...
Meine Empfehlung analog zum Kapitel 11 sind:
• Rock Joint Biwa – Kumikyoku Furukotofumi (1972)
Der experimentelle Einstieg: japanische Tradition trifft Jazz, Rock und elektrische Klangwelt.
• High-Flying (1976)
Der vielleicht unmittelbarste Zugang zu Suzuki: funky, dicht arrangiert und mitten im Übergang von Jazz-Funk zu Crossover und Fusion.
• Colgen World (1976)
Eine weitere wichtige Station für alle, die tiefer in Suzukis eigene musikalische Welt einsteigen wollen.
• Primrose (1978)
Ein Blick auf die jazzigere Seite eines Musikers, der sich ohnehin nur schwer auf eine einzige Schublade reduzieren lässt...
Mit Hiromasa Suzuki haben wir einen Musiker kennengelernt, der zwischen den Welten arbeitete. Im nächsten Kapitel begegnen wir einem Namensvetter, der mit nur wenigen Tönen einen vollkommen anderen Eindruck hinterlassen konnte: Hiroshi Suzuki...
Und natürlich führt dabei kein Weg an „Cat“ vorbei – jener Platte, die Jahrzehnte nach ihrer Entstehung zu einem internationalen Symbol für die Wiederentdeckung des japanischen Jazz geworden ist...
Kapitel 12 – Hiroshi Suzuki: Die Katze, die wiederentdeckt wurde
Wie „Cat“ vom japanischen Jazzalbum zum internationalen Wamono-Kultklassiker wurde
Manche Platten werden zu Klassikern, weil sie bei ihrem Erscheinen einen Nerv treffen. Andere brauchen Jahrzehnte. Hiroshi Suzukis „Cat“ gehört zur zweiten Kategorie. Heute zählt das Album zu jenen japanischen Jazzplatten, die selbst Menschen kennen, die gerade erst beginnen, sich mit Wamono zu beschäftigen. Dabei entstand „Cat“ keineswegs als kalkulierter Meilenstein. Es war vielmehr das Ergebnis einer Rückkehr, einer Wiederbegegnung und einer außergewöhnlich gut eingespielten Gruppe von Musikern...
Gerade diese Geschichte macht das Album für unsere Wamono-Reise so interessant. Denn an „Cat“ lässt sich nicht nur hervorragender japanischer Jazz-Funk erklären. Die Platte erzählt zugleich davon, wie sich die Wahrnehmung japanischer Musik verändert hat – von einer zunächst überwiegend heimischen Veröffentlichung hin zu einem international gesuchten Sammlerobjekt und schließlich zu einem breit verfügbaren Reissue-Klassiker...
Hiroshi Suzuki, 1933 in Yokohama geboren, gehörte bereits in den 1960er-Jahren zur japanischen Jazzszene. 1971 ging der Posaunist in die USA und arbeitete dort unter anderem im Umfeld von Buddy Rich. Als er 1975 vorübergehend nach Japan zurückkehrte, traf er erneut auf Musiker, mit denen ihn eine gemeinsame Vergangenheit verband...
Vom 8. bis 10. Oktober 1975 wurde im Columbia 1st Studio in Tokio aufgenommen. Neben Suzuki an der Posaune spielten Takeru Muraoka am Saxofon, Hiromasa Suzuki an den Keyboards, Kunimitsu Inaba am Bass und Akira Ishikawa am Schlagzeug. Damit begegnen uns gleich mehrere Namen wieder, die in dieser Serie bereits eine zentrale Rolle gespielt haben. Und genau darin zeigt sich erneut, wie Wamono funktionierte - nicht als Ansammlung voneinander isolierter Stars, sondern als Netzwerk. Musiker trafen sich in wechselnden Konstellationen, brachten Erfahrungen aus anderen Sessions mit und entwickelten gemeinsam neue Klangideen...
„Cat“ besteht aus nur fünf Stücken: „Shrimp Dance“, „Kuro To Shiro“, „Walk Tall“, dem Titelstück „Cat“ und „Romance“. Die Kürze der Trackliste ist eine Stärke. Das Album wirkt geschlossen, konzentriert und frei von Füllmaterial.
Schon „Shrimp Dance“ - übrigens eins meiner absoluten Lieblingsstücke im japanischen Jazzfunk - zeigt die Richtung. Die Rhythmusgruppe arbeitet präzise, aber nicht steif; Bläser und Keyboards bewegen sich über einem Groove, der Jazz-Funk atmet, ohne zur bloßen Funkübung zu werden. „Kuro To Shiro“ öffnet den Raum weiter, während „Walk Tall“ eine ausgesprochen soulige Seite der Band zeigt...
Im Titelstück wird besonders deutlich, warum diese Musik heute so viele Hörer erreicht. Der Groove ist tief, aber entspannt. Suzukis Posaune besitzt Wärme statt demonstrativer Schärfe. Hiromasa Suzukis elektrische Keyboards legen eine schimmernde Fläche darunter, und Akira Ishikawa hält die Musik mit jener Mischung aus Präzision und Beweglichkeit zusammen, die wir bereits in Kapitel 9 kennengelernt haben...
Und dann ist da „Romance“ - melodisch, mellow und beinahe schwerelos. Das Stück ist zu einem der bekanntesten Momente des Albums geworden. Es zeigt eine Seite des japanischen Jazz, die für die spätere internationale Wiederentdeckung besonders wichtig wurde. Sophisticated, warm, urban – und offen genug, um auch Hörer außerhalb des klassischen Jazzpublikums anzusprechen...
Jazz, Funk, Soul – und genau dazwischen
„Cat“ ist ein gutes Beispiel dafür, warum Genrebegriffe beim Wamono schnell an Grenzen stoßen. Natürlich ist dies ein Jazzalbum. Aber Funk und Soul sind ebenso deutlich präsent, und die elektrischen Keyboards weisen bereits in Richtung Fusion...
Diese Übergänge sind keine Nebensache. Sie gehören zum Kern dessen, was die japanische Szene der 1970er-Jahre so spannend macht. Musiker wie Hiroshi Suzuki mussten sich nicht entscheiden, ob sie Jazzmusiker oder Funkmusiker waren. Sie konnten harmonische und improvisatorische Freiheit aus dem Jazz mit dem körperlichen Puls des Funk und der melodischen Direktheit des Soul verbinden...
Genau deshalb funktioniert „Cat“ heute auch außerhalb traditioneller Jazzkreise. Die Platte verlangt keine musikhistorischen Vorkenntnisse. Man kann sie analysieren – oder einfach vom Groove mitnehmen lassen...
Die internationale Karriere des Albums ist mindestens so bemerkenswert wie seine Entstehung. Jahrzehnte nach der Originalveröffentlichung wurde „Cat“ von einer neuen Generation von DJs, Digging-Enthusiasten, Beat-Produzenten und Vinylsammlern entdeckt. Japanischer Jazz war inzwischen nicht mehr nur Spezialgebiet einiger weniger Kenner. Online-Plattformen, Wiederveröffentlichungen und eine globale Sammlerkultur machten Platten sichtbar, die außerhalb Japans lange schwer zugänglich gewesen waren...
„Cat“ passte perfekt in diese neue Aufmerksamkeit. Das markante Cover, der unmittelbar zugängliche Groove und insbesondere Stücke wie „Romance“ machten die Platte zu einem idealen Einstieg. 2014 erschien in Japan eine neu remasterte Ausgabe; später brachte We Release Jazz eine offizielle, von den Originalbändern stammende Half-Speed-Master-Ausgabe auf 180-Gramm-Vinyl heraus. Und damit geschah etwas, das für die moderne Wamono-Rezeption typisch ist. Aus einem raren Original wurde ein wieder zugängliches Album – ohne dass seine Aura als Sammlerplatte völlig verschwand...
Diese Entwicklung werden wir in einem späteren Kapitel noch ausführlicher betrachten. Denn die Wiederentdeckung von „Cat“ ist kein Einzelfall. Sie gehört zu einer größeren Geschichte darüber, wie japanische Musik aus den 1960er- bis 1980er-Jahren im 21. Jahrhundert ein zweites internationales Leben bekam...
Warum gerade die Posaune? Ein weiterer Grund für die Eigenständigkeit von „Cat“ liegt unmittelbar vor uns - Hiroshi Suzukis Instrument. Die Posaune ist im modernen Jazz zwar alles andere als exotisch, steht aber deutlich seltener im Zentrum einer kleinen Jazz-Funk-Besetzung als Saxofon oder Trompete...
Suzuki nutzt genau diese Klangfarbe. Sein Ton kann weich und vokal wirken, im nächsten Moment aber Druck entwickeln. Auf „Cat“ wird die Posaune nicht zum kuriosen Alleinstellungsmerkmal, sondern zur Stimme des Albums.
Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb die Platte so unverwechselbar bleibt. Vieles an ihr ist typisch für die Mitte der 1970er-Jahre – Rhodes-Sound, Funkgroove, warme Studioproduktion. Doch Suzukis Posaune gibt diesem Zeitkolorit eine eigene Persönlichkeit...
33rpmPVC empfiehlt
• Cat (1976)
Der Ausgangspunkt. Fünf Stücke, rund vierzig Minuten – und eine der besten Möglichkeiten, japanischen Jazz-Funk kennenzulernen.
• Romance
Der perfekte Einstieg für alle, die zunächst die mellow, soulige Seite des Albums entdecken wollen.
• Cat
Das Titelstück bringt den tiefen Groove und die besondere Chemie der Band auf den Punkt.
• Shrimp Dance
Für die rhythmisch offensivere Seite der Session – und ein schönes Beispiel dafür, wie eng Jazz und Funk hier ineinandergreifen...
Hiroshi Suzukis „Cat“ zeigt, wie eine einzige Platte Jahrzehnte später zum Botschafter einer ganzen Szene werden kann. Im nächsten Kapitel wechseln wir von der Posaune zur Trompete – und zu einem Musiker, dessen Karriere die japanische Jazzgeschichte mit der internationalen Szene auf besonders eindrucksvolle Weise verbindet...
Kapitel 13 gehört Terumasa Hino: einem Musiker, der längst nicht nur im Wamono-Kosmos eine zentrale Figur ist...
Kapitel 13 – Terumasa Hino: Japanischer Jazz ohne Grenzen
Vom Hard Bop über elektrische Experimente bis New York – wie Hino aus japanischem Jazz internationale Musik machte
Mehr als ein Wamono-Kultname
Terumasa Hino passt nur bedingt in eine Schublade – und gerade deshalb gehört er in diese Geschichte. Wer ihn ausschließlich als Wamono-Künstler betrachtet, macht sein Werk kleiner, als es ist. Hino ist zunächst einer der bedeutendsten japanischen Jazztrompeter überhaupt: ein Musiker, dessen Karriere von den Clubs der Nachkriegszeit über die Aufbruchsjahre des japanischen Modern Jazz bis mitten in die internationale Szene führte...
Geboren 1942 in Tokio, begann Hino als Kind Trompete zu spielen und trat bereits als Jugendlicher in Tanzbands in amerikanischen Militärclubs auf. In den 1960er-Jahren wurde er Mitglied des Quintetts von Hideo Shiraki. 1967 erschien sein erstes Leader-Album „Alone, Alone And Alone“. Schon wenig später war der „Hino-Teru-Boom“ in Japan so groß, dass er nicht mehr nur innerhalb einer kleinen Jazzgemeinde wahrgenommen wurde...
Damit verkörpert Hino einen wichtigen Wendepunkt: Japanischer Jazz musste sich nicht länger allein über seine Nähe zu amerikanischen Vorbildern legitimieren. Seine besten Musiker begannen, selbstbewusst eigene Positionen zu formulieren...
Ein Schlüsselwerk dieser Entwicklung ist „Hi-Nology“. Das Album wurde im Juli 1969 live in der Yamaha Hall in Ginza aufgenommen. Die Besetzung ist für unsere Wamono-Reihe geradezu ideal: Terumasa Hino an Trompete und Flügelhorn, Takeru Muraoka am Tenorsaxofon, Hiromasa Suzuki am elektrischen Piano, Kunimitsu Inaba am E-Bass und Hinos Bruder Motohiko am Schlagzeug...
Schon die Instrumentierung signalisiert Veränderung. Elektrisches Piano und elektrischer Bass, Rockrhythmen und ein deutlich erweitertes Klangverständnis treffen auf die improvisatorische Freiheit des Jazz. Miles Davis ist als Einfluss nicht zu überhören – Hino nannte das Eröffnungsstück schließlich „Like Miles“. Doch entscheidend ist, was daraus entsteht...
„Hi-Nology“ klingt nicht nach einer Band, die lediglich den neuesten amerikanischen Trend nachspielt. Die Musik besitzt eine eigene Dringlichkeit. Sie ist offen, elektrisch, rhythmisch kraftvoll und gleichzeitig fest im Jazz verwurzelt. Das Album wurde in Japan für eine Jazzproduktion außergewöhnlich erfolgreich und gilt zu Recht als Markstein der japanischen Jazzgeschichte...
Für Wamono ist es deshalb wichtig, weil hier vieles zusammenkommt, was uns durch diese Serie begleitet. Internationale Einflüsse, technische Neugier, ein dichtes Netzwerk hervorragender Musiker und der Wille, daraus eine eigene musikalische Sprache zu entwickeln...
Hino blieb danach nicht stehen. Veröffentlichungen wie „Into the Heaven“, „Journey to Air“, „Vibrations“ oder „Journey Into My Mind“ zeigen einen Musiker, der seine Grenzen ständig verschob. Modal Jazz, Free Jazz, elektrische Sounds, Funk und avantgardistische Elemente tauchen in wechselnden Gewichtungen auf. Genau hier unterscheidet sich Hino von einem Musiker, dessen Karriere man bequem über ein einziges ikonisches Album erzählen könnte. Sein eigentliches Thema ist Bewegung...
Er konnte lyrisch und melodisch spielen, im nächsten Moment aber kantig, frei und aggressiv werden. Seine Trompete besitzt eine große Spannweite - von klaren, beinahe schwebenden Linien bis zu einem schneidenden Ton, der sich durch eine gesamte Band hindurchsetzt.
Das macht seine Diskografie nicht immer leicht zugänglich. Aber es macht sie spannend. Hino verlangt vom Hörer dieselbe Offenheit, mit der er selbst an Musik heranging...
1975 verlegte Hino seinen Lebensmittelpunkt nach New York. Dieser Schritt ist für seine Geschichte entscheidend. Er war nun nicht mehr ein japanischer Musiker, der internationalen Jazz interpretierte. Er wurde selbst Teil jener internationalen Szene. Und in den folgenden Jahren arbeitete er mit Musikern wie Gil Evans, Jackie McLean, Dave Liebman, Hal Galper, Elvin Jones und anderen. Auf „May Dance“ von 1977 begegnen ihm unter anderem Ron Carter, Tony Williams und John Scofield – Namen, die im amerikanischen Jazz längst zum zentralen Vokabular gehören...
Hinos Karriere widerlegt damit sehr schön eine vereinfachte Vorstellung von Wamono als musikalischer Einbahnstraße, auf der westliche Einflüsse nach Japan gelangten und dort neu interpretiert wurden. Der Austausch verlief definitiv in beide Richtungen...
Japanische Musiker hörten, lernten und transformierten. Aber sie gingen ebenso hinaus, spielten mit internationalen Kollegen und wurden selbst Teil der globalen Entwicklung des Jazz.
Für unsere Serie ist besonders interessant, dass Hino trotz seiner internationalen Jazzkarriere immer wieder an den Stellen auftaucht, an denen Jazz und Groove aufeinandertreffen. Seine Musik konnte funky werden, ohne dass er deshalb zum Funkmusiker wurde. Elektrische Instrumente und Fusion waren für ihn keine Abkehr vom Jazz, sondern Erweiterungen seines Vokabulars. Spätere Arbeiten wie „City Connection“ zeigen, wie selbstverständlich sich sein Sound auch R&B- und urbaneren Klangwelten öffnen konnte...
Das ist wichtig für das Verständnis des Wamono-Begriffs. Nicht jeder Musiker, den Sammler heute unter diesem Etikett führen, hat jemals „Wamono“ gespielt – schon gar nicht im Sinne eines damals klar definierten Genres. Der Begriff wurde viel später zu einem Werkzeug, um bestimmte japanische Platten, Sounds und ästhetische Verbindungen neu zu entdecken und Protagonisten wie Hino erinnern uns daran, dieses Etikett nicht mit der Musik selbst zu verwechseln...
Wie aktuell diese Wiederentdeckung ist, zeigt ausgerechnet „Hi-Nology“. Im Mai 2026 machte Nippon Columbia Hinos Aufnahmen aus der TAKT-Phase erstmals offiziell weltweit über Streaming- und Downloadplattformen verfügbar. Dazu gehören neben „Hi-Nology“ auch frühe Werke wie „Alone, Alone And Alone“, „Into The Heaven“ und die gemeinsame Aufnahme des Hino-Kikuchi Quintetts.
Mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung erreicht diese Musik damit ein Publikum, das früher Originalpressungen, japanische CDs oder teure Reissues suchen musste...
Es ist beinahe die perfekte Wamono-Geschichte: Eine Musik, die einst aus der intensiven Auseinandersetzung Japans mit internationalem Jazz entstand, kehrt Jahrzehnte später über eine globale Hörkultur in die Welt zurück...
33rpmPVC empfiehlt:
• Hi-Nology (1969)
Der unverzichtbare Einstieg. Elektrisch, offen und voller Aufbruchsstimmung.
• Journey to Air (1970)
Hino auf dem Weg in freiere und expansivere Klangräume.
• Taro's Mood (1973)
Ein spannender Blick auf seine europäische Live-Phase und die Verbindung von Hard Bop, Freiheit und lyrischem Spiel.
• Journey Into My Mind (1974)
Schon der Titel ist Programm: Hino erweitert sein musikalisches Terrain.
• May Dance (1977)
Die internationale Perspektive – mit einer hochkarätigen New Yorker Besetzung.
Terumasa Hino ist für unsere Wamono-Reihe gerade deshalb unverzichtbar, weil er das Etikett sprengt.
Er zeigt, dass die japanische Musikgeschichte der 1960er- und 1970er-Jahre nicht als exotische Nebenlinie des amerikanischen Jazz verstanden werden sollte. Ihre wichtigsten Protagonisten waren Teil derselben internationalen Moderne – mit eigenen Erfahrungen, eigenen ästhetischen Entscheidungen und einer immer selbstbewussteren Stimme...
Aber bei einem Musiker wie Terumasa Hino sollte der Begriff immer der Anfang der Entdeckung sein – niemals ihr Ende...
Im nächsten Kapitel bleiben wir noch beim Jazz, wechseln aber radikal die Perspektive. Statt eines international etablierten Musikers begegnen wir einem Pianisten aus Sapporo, dessen weltweiter Ruhm im Wesentlichen erst Jahrzehnte nach seiner wichtigsten Aufnahme entstand. Gemeint ist natürlich Ryo Fukui und „Scenery“ – und damit einer der erstaunlichsten Wiederentdeckungen des japanischen Jazz...
Kapitel 14 – Ryo Fukui: Die späte Weltkarriere von „Scenery“
Wie ein autodidaktischer Pianist aus Hokkaido Jahrzehnte nach seinem Debüt zu einer Ikone des Japanese-Jazz-Revivals wurde
Es gibt wohl kaum eine japanische Jazzplatte, deren Cover heute häufiger in sozialen Netzwerken, Plattenläden und Empfehlungslisten auftaucht als „Scenery“. Der Name, der außerhalb Japans jahrzehntelang nur Spezialisten etwas sagte: Ryo Fukui...
Heute wirkt es beinahe selbstverständlich, Fukui zu den international bekanntesten Vertretern des japanischen Jazz zu zählen. Doch diese Wahrnehmung ist jung. Seine eigentliche Weltkarriere begann erst lange nach der Veröffentlichung seines Debüts – und in wesentlichen Teilen sogar erst nach seinem Tod im März 2016...
Damit ist Fukuis Geschichte weit mehr als ein Künstlerporträt. Sie erzählt auch davon, wie sich unser Zugang zu Musik verändert hat. Ohne YouTube, Streaming, internationale Reissue-Labels und eine neue Generation von Vinylsammlern wäre „Scenery“ wahrscheinlich weiterhin eine hervorragende, aber außerhalb Japans vergleichsweise wenig bekannte Jazzplatte...
Fukuis Weg insgesamt war ungewöhnlich. Er begann erst mit 22 Jahren ernsthaft Klavier zu spielen und brachte sich das Jazzspiel weitgehend selbst bei. Statt aus einer klassischen Ausbildung heraus eine Karriere zu entwickeln, arbeitete er sich mit großer Disziplin in die Sprache des Jazz hinein...
Das hört man seinem Debüt in keinster Weise an. „Scenery“, 1976 bei Trio Records erschienen, zeigt einen Pianisten mit bemerkenswert klarer Vorstellung davon, was er spielen wollte. Modal Jazz, Bop und Cool Jazz bilden das Fundament. Dabei blickte Fukui bewusst auf Formen zurück, die im internationalen Jazz längst nicht mehr als neu galten und eher Mainstream zu sein schienen. Aber gerade das ist interessant. Mitte der 1970er-Jahre dominierten andernorts elektrische Fusion, Funk und große klangliche und freie Experimente. Fukui setzte dagegen auf das klassische Pianotrio. Klavier. Bass. Schlagzeug. Mehr brauchte er nicht...
Mit Satoshi Denpo am Bass und Yoshinori Fukui am Schlagzeug nahm Fukui sechs Stücke auf: „It Could Happen to You“, „I Want to Talk About You“, „Early Summer“, „Willow Weep for Me“, „Autumn Leaves“ und das Titelstück „Scenery“. Und schon diese Auswahl zeigt, dass Fukui nicht versuchte, Modernität über exotisches Repertoire zu behaupten. Mehrere Stücke gehörten längst zum Jazzkanon...
Entscheidend war die Interpretation.
„It Could Happen to You“ beginnt fast vorsichtig und entwickelt anschließend einen federnden Swing. „Early Summer“, eine Eigenkomposition, zeigt eine energischere Seite. Bei „Autumn Leaves“ – einem der meistgespielten Standards überhaupt – gelingt dem Trio etwas Schwieriges: ein vollkommen vertrautes Stück so selbstverständlich zu spielen, dass es wieder frisch wirkt...
Fukuis Stil wurde später häufig mit Bill Evans oder McCoy Tyner in Verbindung gebracht. Solche Vergleiche helfen zur Orientierung, greifen aber zu kurz. Interessanter ist die Mischung aus melodischer Klarheit, kräftigem Anschlag und einem ausgesprochen direkten Verhältnis zum Swing...
An dieser Stelle lohnt sich eine kleine Provokation. Was hat Ryo Fukui überhaupt mit Wamono zu tun? Auf „Scenery“ gibt es weder die schweren Funkgrooves von Jiro Inagaki noch die elektrischen Klangexperimente Hiromasa Suzukis. Keine Soul-Bläser, keine Synthesizer, keine Disco-Anleihen. Im engeren musikalischen Sinn ist das Album schlicht Mainstream-Jazz.Wenn auch sehr guter...
Doch genau hier zeigt sich erneut, dass Wamono kein Genre an sich ist. Die heutige Wamono-Kultur entstand wesentlich durch das Wiederentdecken japanischer Platten. DJs, Sammler und Reissue-Labels begannen, sehr unterschiedliche Aufnahmen unter einem gemeinsamen Blickwinkel neu wahrzunehmen: Jazz, Jazz-Funk, Soul, Fusion, City Pop, Disco und andere japanische Produktionen vergangener Jahrzehnte...
Fukui gehört deshalb weniger aufgrund eines bestimmten „Wamono-Sounds“ in diese Geschichte als vielmehr aufgrund seiner erstaunlichen Rezeptionsgeschichte. „Scenery“ wurde zu einem der wichtigsten Türöffner für Menschen, die anschließend tiefer in japanischen Jazz und schließlich in den gesamten Wamono-Kosmos eintauchten...
Auch geografisch unterscheidet sich Fukuis Geschichte von vielen bisherigen Protagonisten. Sein musikalisches Zentrum blieb Hokkaido und insbesondere Sapporo. ;1995 eröffnete er gemeinsam mit seiner Frau Yasuko den Jazzclub Slowboat. Der Name wurde zu einem zentralen Bestandteil seiner späteren Karriere. Dort spielte Fukui regelmäßig, traf Musiker und entwickelte sein Spiel über Jahre weiter...
Damit schließt sich ein Kreis zu Kapitel 6 unserer Serie. Die Jazz-Kissa- und Jazzclub-Kultur war eben nicht nur ein historisches Phänomen der Nachkriegszeit. Orte wie Slowboat zeigen, wie sehr konzentriertes Hören, Live-Musik und persönliche Begegnung weiterhin zum japanischen Jazz gehörten.
Fukuis letztes Album „A Letter from Slowboat“ wurde schließlich zu einer Art musikalischem Gruß an diesen Ort und an Hokkaido...
Dann geschah etwas, das Fukui selbst nur noch am Rand erleben konnte.
Seine Musik begann im Internet zu zirkulieren und bekam ein erstaunliches Eigenleben. Uploads von „Scenery“ erreichten ein internationales Publikum, Empfehlungen verbreiteten sich über soziale Medien, Foren und Streamingdienste. Menschen, die nie einen japanischen Jazzkatalog studiert hatten, stießen plötzlich auf dieses Album...
Nach Fukuis Tod 2016 beschleunigte sich diese Neubewertung weiter. Offizielle Wiederveröffentlichungen machten „Scenery“ und „Mellow Dream“ international auf Vinyl und CD verfügbar; We Release Jazz legte die Aufnahmen auf Grundlage der Originalmaster neu auf.
Aus einem japanischen Jazzklassiker wurde ein globales Phänomen...
Das Bemerkenswerte daran ist nicht allein die gestiegene Bekanntheit. Fukuis Karriere zeigt, dass sich Musikgeschichte rückwirkend verändern kann und nicht statisch ist. Eine Platte, die bei ihrem Erscheinen international kaum wahrgenommen wurde, kann vierzig Jahre später für eine neue Generation zum Schlüsselwerk werden...
Im Jahr 2026 ist diese Neubewertung sogar Gegenstand einer neuen japanischen Biografie: „Hyōden Fukui Ryō: Sekai o Meguru Kita no Jazz“ widmet sich ausdrücklich dem Weg des Jazz aus dem Norden Japans in die Welt.
Wer bei Fukui nur „Scenery“ hört, verpasst allerdings einen Teil der Geschichte. Bereits 1977 folgte „Mellow Dream“. Das Trioformat blieb, doch die Musik erweitert den emotionalen Raum des Debüts. Soulige und kontemplative Momente stehen neben kraftvollem Sound und dokumentieren einen Musiker, der nicht stehen blieb, auch wenn sein Ruhm heute stark an den ersten beiden Alben hängt. „Ryo Fukui in New York“ von 1999 und „A Letter from Slowboat“ gehören zu den Aufnahmen, mit denen sich die zweite Hälfte seiner Laufbahn entdecken lässt...
Gerade sie korrigieren das Bild vom geheimnisvollen Pianisten, der 1976 ein Meisterwerk aufnahm und anschließend verschwand. Ryo Fukui verschwand eben nicht. Die Welt brauchte nur sehr lange, um ihn zu finden...
33rpmPVC empfiehlt:
• Scenery (1976)
Natürlich der Einstieg. Nicht wegen des heutigen Kultstatus, sondern weil das Album diesen Status musikalisch tatsächlich trägt.
• Mellow Dream (1977)
Die logische Fortsetzung – etwas souliger und stellenweise nachdenklicher, ohne Fukuis Energie zu verlieren.
• Ryo Fukui in New York (1999)
Für alle, die wissen möchten, wie sich sein Spiel über zwei Jahrzehnte entwickelt hatte.
• A Letter from Slowboat
Der späte Blick auf Fukui und zugleich die Verbindung zu dem Jazzclub, der für seine zweite Karrierephase so wichtig wurde
Mit Ryo Fukui endet zunächst unsere Reihe der großen Jazzpersönlichkeiten in Teil 3. Und das ist Absicht, denn Wamono wäre falsch erzählt, wenn wir jetzt einfach mit dem nächsten Jazzmusiker weitermachten. So sehr Jazz das Rückgrat unserer Serie bildet: Die japanische Plattenkultur der 1970er- und 1980er-Jahre war erheblich breiter.
Im nächsten Kapitel öffnen wir deshalb die Türen. Hinaus aus dem Jazzclub. Hinein in die Studios, Diskotheken und nächtlichen Straßen der japanischen Großstadt...
Kapitel 15 widmet sich City Pop, Soul, Funk, Disco und Boogie – und der Frage, warum all diese sehr unterschiedlichen Sounds heute ebenfalls unter dem großen, manchmal schwer greifbaren Dach namens Wamono zusammenfinden...
Kapitel 15 – Jenseits des Jazz: Wenn Wamono die Tanzfläche betritt
City Pop, Soul, Funk, Disco, Boogie und Light Mellow – warum Wamono viel größer ist als Japanese Jazz
Der blinde Fleck unserer Reise
Vierzehn Kapitel lang hat der Jazz unsere Wamono-Reise geprägt. Das war kein Zufall. Jazz ist eines der faszinierendsten Kapitel japanischer Musikgeschichte und zugleich ein besonders ergiebiger Einstieg für Plattensammler. Aber wer Wamono mit Japanese Jazz gleichsetzt, macht den Begriff kleiner, als er tatsächlich ist...
Die einschlägigen Wamono-Compilations sprechen selbst von Jazz, Funk, Soul, Rare Groove und Disco; spätere Ausgaben rücken ausdrücklich Light Mellow, Funk, Disco und Boogie in den Mittelpunkt. Genau deshalb müssen wir den Jazzclub jetzt verlassen und auf die Tanzfläche, ins Radiostudio und in die nächtliche Großstadt gehen. Denn Wamono ist kein Genre. Es ist auch ein Blick auf japanische Plattenkultur – und diese Kultur war in den 1970er- und 1980er-Jahren geradezu besessen von Übergängen...
Amerikanischer Soul und Funk hinterließen in Japan früh deutliche Spuren. Doch wie beim Jazz blieb es nicht bei bloßer Nachahmung. Studiomusiker, Arrangeure und Sänger nahmen die rhythmische Direktheit, die Bläsersätze, Wah-Wah-Gitarren und schweren Basslinien auf und kombinierten sie mit japanischer Poptradition, Jazzharmonik und einer häufig außergewöhnlich präzisen Studiokultur...
Genau hier treffen wir bekannte Namen wieder. Jiro Inagaki & Soul Media stehen exemplarisch für die Verbindung von Jazz und Funk. Hiroshi Sato bewegte sich zwischen Jazz, Funk, Pop und später jenem urbanen Sound, den man heute häufig in der Nähe von City Pop verortet. Sängerinnen wie Hatsumi Shibata zeigen wiederum, wie Soul und Pop ineinandergreifen konnten...
Das Interessante ist nicht die Frage, ob diese Musik „authentischer“ Funk nach amerikanischem Maßstab war. Interessanter ist, was geschah, als japanische Musiker diese Sprache zu ihrer eigenen machten...
Mit der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre verändert sich der Klang. Die Rhythmusgruppen werden glatter, Synthesizer und aufwendige Studiotechnik gewinnen an Bedeutung, und Disco wird zum internationalen Vokabular. Japanische Produktionen reagieren darauf mit großer Geschwindigkeit. Funk verschwindet nicht, sondern wird polierter. Aus schweren Grooves entstehen federnde Basslinien, elegante Streicher, elektrische Pianos und später Synthesizerflächen. In den frühen 1980er-Jahren führt dieser Weg direkt in Boogie und urbane Dance-Music...
Die WAMONO-A-to-Z-Reihe macht diese Entwicklung besonders deutlich: Während Volume II japanischen Funk von 1970 bis 1977 untersucht, trägt Volume III den Untertitel „Japanese Light Mellow Funk, Disco & Boogie 1978–1988“. Schon diese zeitliche Abfolge erzählt eine kleine Musikgeschichte, denn Wamono bewegt sich mit der Stadt...
Spätestens hier müssen wir über City Pop sprechen. Kaum ein Begriff hat die internationale Wahrnehmung japanischer Musik der späten 1970er- und 1980er-Jahre so stark geprägt. City Pop ist jedoch nicht einfach ein weiteres Synonym für Wamono. Der Begriff bezeichnet rückblickend eine urbane japanische Popmusik, in der AOR, Soul, Funk, Disco, Jazz, Soft Rock und andere westliche Einflüsse zusammenfinden. Künstler wie Tatsuro Yamashita, Taeko Ohnuki, Mariya Takeuchi oder Anri stehen heute international stellvertretend dafür.
Wamono ist breiter und zugleich anders gedacht. Es kann auch Jazz-Funk, Soundtracks, folkloristisch grundierte Groove-Experimente, Soul, Rock oder obskure Studioaufnahmen umfassen, die niemand ernsthaft im ersten Augenblick als City Pop bezeichnen würde...
Die beiden Welten überschneiden sich trotzdem erheblich. Sie teilen Musiker, Studios, Produzenten, Instrumente und eine urbane Klangästhetik. Wer über City Pop tiefer gräbt, landet deshalb fast zwangsläufig irgendwann im Wamono-Regal – und umgekehrt..
Zwischen Funk, AOR, Fusion und City Pop liegt ein weiterer Begriff, der außerhalb Japans weniger bekannt ist - Light Mellow. Er beschreibt keine streng definierte musikalische Schule, sondern eher eine geschmackliche und klangliche Kategorie – sophisticated, weich, groovend, häufig stark von Soul, Jazz und Westcoast-Pop beeinflusst. Gerade für Sammler ist Light Mellow interessant, weil es die harte Grenze zwischen vermeintlich „ernstem“ Jazz und Pop endgültig auflöst. Studiomusiker aus der Jazz- und Fusion-Szene tauchen auf Popproduktionen auf; Sänger arbeiten mit Arrangeuren, die ebenso gut auf Jazz-Funk-Platten zu finden sind. Wer nur nach Genreetiketten sortiert, übersieht diese Verbindungen schnell. Selbiges Problem kennt man beispielsweise auch im Hip-Hop. Auch dort hat es lange gedauert, bis Hip-Hop (zumindest das Element Musik) als ernstzunehmender und dennoch eigenständiger Teil der aus der Bluestradition entstammenden Genre Jazz, Funk und Soul zu sehen ist. Wer nach Musikern, Produzenten,Labels und Studios hier wie da sucht, entdeckt ein verwobenes Netzwerk mit fließenden Grenzen...
Die japanische Musikindustrie jener Jahre verfügte über hervorragend ausgebildete Studiomusiker und eine hochentwickelte Produktionstechnik. Viele Beteiligte arbeiteten nicht ausschließlich in einem Genre. Ein Gitarrist konnte morgens eine Fusion-Session spielen, nachmittags eine Popaufnahme begleiten und abends auf einer Funkproduktion landen. Dadurch wanderten musikalische Ideen...
Jazzharmonien fanden ihren Weg in Popsongs. Funkbasslinien tauchten in scheinbar harmlosen Unterhaltungstiteln auf. Bläserarrangements konnten nach Philadelphia Soul klingen, während ein Synthesizer bereits die Ästhetik der 1980er-Jahre ankündigte...
Genau diese Durchlässigkeit ist einer der Gründe, warum Digging in japanischer Musik so viel Spaß macht. Ein unscheinbares Cover kann eine vollkommen unerwartete Groove-Nummer verbergen. Wamono zeigt außerdem, wie Sammler Musikgeschichte neu ordnen. Ein DJ interessiert sich nicht zwingend dafür, unter welchem Genre eine Platte 1977 im Katalog geführt wurde. Er hört den Break, den Bass, die Percussion oder einen bestimmten Keyboard-Sound. Dadurch landen Aufnahmen nebeneinander, die im ursprünglichen japanischen Plattenladen vielleicht in völlig unterschiedlichen Abteilungen gestanden hätten. Das ist keine historische Unsauberkeit, solange man sich dessen bewusst bleibt. Es ist eine andere Form der Musikkuration...
Die von DJ Yoshizawa Dynamite und Chintam zusammengestellten Wamono-Veröffentlichungen machen genau das sichtbar. Sie betrachten mehrere Jahrzehnte japanischer Musik aus der Perspektive des Groove-Diggers. Dadurch entstehen neue Nachbarschaften zwischen Jazz, Soul, Funk, Disco und Pop. Wamono ist damit nicht nur Musikgeschichte. Es ist auch eine Geschichte darüber, wie Plattensammler Musik hören...
City Pop brachte dieser Wiederentdeckung später ein ikonisches Bild. Großstadtlichter, Autos, Meer, Palmen, Hochhäuser und ein Japan des wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Musik wirkt häufig luxuriös, optimistisch und kosmopolitisch...
Doch dieses Bild ist ebenso ästhetische Konstruktion wie historische Realität. Gerade deshalb funktioniert es heute so gut. Internationale Hörer können in diese Klangwelt eintauchen, ohne die gesellschaftlichen Widersprüche des damaligen Japan selbst erlebt zu haben...
Diese Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die man nie kannte, wird in Kapitel 16 noch wichtig werden. Denn City Pop wurde im Internet zum vielleicht sichtbarsten Beispiel dafür, wie alte japanische Musik ein vollkommen neues Publikum finden kann...
33rpmPVC empfiehlt – sieben Wege zu Wamono jenseits des Jazz:
• Hiroshi Sato – für die Übergänge zwischen Funk, Fusion, Soul und urbanem Pop.
• Tatsuro Yamashita – ein zentraler Name, wenn Soul, Funk, AOR und City Pop zusammenkommen.
• Taeko Ohnuki – sophisticated Pop mit Jazz-, Soul- und urbanen Einflüssen.
• Hitomi Tohyama – ein guter Einstieg in japanischen Boogie und urbane Dance-Sounds.
• Hatsumi Shibata – Soul und Pop mit jener Studioperfektion, die viele Wamono-Produktionen auszeichnet.
• Jadoes – für die funkigere, tanzbare Seite der 1980er-Jahre.
• WAMONO A to Z Vol. III – als Compilation ein hervorragender Überblick über Light Mellow, Funk, Disco und Boogie von 1978 bis 1988.
City Pop, Soul, Funk, Disco und Boogie sind in dieser Geschichte kein Pflichtkapitel, das wir der Vollständigkeit halber einschieben. Sie zeigen vielmehr, warum Wamono als Idee so faszinierend ist..
Die japanische Musik jener Jahrzehnte entwickelte sich nicht in sauber getrennten Kästen. Musiker, Sounds und Produktionsweisen wanderten. Jazz traf Funk, Funk traf Disco, Soul traf Pop, Fusion traf AOR – und aus diesen Begegnungen entstand eine enorme Vielfalt. Unser Schwerpunkt in dieser Serie bleibt Jazz. Aber erst mit diesem Blick über den Jazz hinaus wird das Gesamtbild vollständig. Und genau jetzt können wir verstehen, warum Wamono Jahrzehnte später überhaupt wiederentdeckt werden konnte...
Darum geht es in Kapitel 16. Um DJs und Digger, YouTube und Algorithmen, Reissues und explodierende Sammlerpreise – kurz gesagt um das zweite Leben des Wamono...
Kapitel 16 – Das zweite Leben des Wamono
Wie DJs, Digger, YouTube, Reissues und eine globale Sammlerkultur Japans vergessene Grooves zurück in die Gegenwart holten
Musikgeschichte verläuft selten geradlinig. Manche Platten sind bei ihrer Veröffentlichung erfolgreich und verschwinden später. Andere werden zunächst nur von einem kleinen Publikum wahrgenommen und erleben Jahrzehnte danach eine zweite Karriere. Wamono gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Viele Aufnahmen dieser Serie waren außerhalb Japans lange nur Spezialisten bekannt. Heute genügt manchmal ein Algorithmus, ein DJ-Mix oder ein Reissue im Plattenladen – und eine Reise beginnt, die Jahrzehnte zurückführt...
Bevor Algorithmen japanische Musik einem Millionenpublikum präsentierten, waren es DJs und Plattensammler, die diese Aufnahmen suchten. Rare-Groove-Kultur löste Musik aus ihren alten Schubladen: Entscheidend waren Groove, Arrangement und Klang...
Ein wichtiger Meilenstein war 2015 der von DJ Yoshizawa Dynamite und Chintam zusammengestellte „Wamono A to Z Japanese Groove Disc Guide“. 2020 folgte „WAMONO A to Z Vol. I – Japanese Jazz Funk & Rare Groove 1968–1980“. Jazz, Funk, Soul, Rare Groove und Disco stehen hier nebeneinander. Wamono ist keine musikalische Formel, sondern auch eine Art des Suchens und Hörens. YouTube wird zum Plattenladen
Das Internet änderte die Spielregeln. Früher musste man wissen, wonach man suchte. YouTube machte es möglich, Musik zu finden, von deren Existenz man nichts wusste...
Mariya Takeuchis „Plastic Love“ ist das berühmteste Beispiel. Ein inoffizieller Upload von 2017 erreichte über den Empfehlungsalgorithmus ein internationales Millionenpublikum. Der City-Pop-Boom führte viele Hörer weiter zu Tatsuro Yamashita, Taeko Ohnuki, Anri und Miki Matsubara – und von dort zu Jazz-Funk, Fusion, Soul und japanischem Rare Groove. Beim Jazz verlief die Wiederentdeckung ähnlich. Ryo Fukuis „Scenery“ entwickelte sich Jahrzehnte nach 1976 zum internationalen Kultalbum. Offizielle Reissues von We Release Jazz, von den Originalmastern erstellt, machten die zuvor gesuchte Platte wieder regulär verfügbar. Auch Hiroshi Suzukis „Cat“ steht für diese zweite Karriere japanischer Jazzplatten. Die Reissue-Kultur demokratisiert das Digging. Man muss keine seltene Erstpressung besitzen, um die Musik ernsthaft entdecken zu können...
Dabei entsteht ein Paradox. Je leichter eine Platte musikalisch zugänglich wird, desto stärker kann das Original als Objekt begehrt werden. Ein Reissue kann den Mythos einer japanischen Erstpressung mit Obi und Insert sogar vergrößern. Doch Seltenheit und Qualität bleiben unterschiedliche Kategorien. Die spannendste Wamono-Entdeckung ist nicht zwangsläufig die teuerste Platte. Es ist diejenige, bei der man nach dreißig Sekunden wissen möchte, was man da gerade hört...
Reissues verändern den Kanon, denn Wiederveröffentlichungen sind nicht neutral. Labels, Compiler und DJs wählen aus. Werden bestimmte Platten immer wieder neu aufgelegt, während andere im Archiv bleiben, entsteht ein neuer internationaler Kanon...
Unser heutiges Bild des Wamono ist deshalb auch eine Rekonstruktion des 21. Jahrhunderts. Wir hören vergangene japanische Musik mit heutigen Ohren und achten auf Breaks, Rhodes-Pianos, Basslinien, Bläsersätze und Produktionsästhetik. Wamono erzählt damit zwei Geschichten. Die der Musik bei ihrer Entstehung und die ihrer späteren Wiederentdeckung. Und Wamono transportiert auch Vorstellungen von Vergangenheit - nächtliches Tokio, Plattenläden, Jazzbars, Design, urbane Eleganz und die Ästhetik des japanischen Wirtschaftsbooms. City Pop zeigt dies besonders deutlich.
Diese Nostalgie ist faszinierend, darf aber nicht mit historischer Wirklichkeit verwechselt werden. Gerade darin liegt eine spannende Spannung: Die Musik kann Erinnerungen erzeugen, selbst bei Menschen, die diese Zeit und diesen Ort nie erlebt haben...
Und heute? Aus einem japanischen Sammlerbegriff ist eine globale Musikkultur geworden. DJs spielen japanischen Jazz-Funk weltweit, Reissue-Labels erschließen Archive, Produzenten zitieren alte Aufnahmen und City Pop wirkt in neue Pop- und Elektronikproduktionen hinein. Die wichtigste Veränderung ist vielleicht, das japanische Musik jener Jahrzehnte zunehmend nicht mehr als exotische Kuriosität gehört wird. Sie wird als das wahrgenommen, was sie immer war – eigenständige, oft hervorragende Musik...
33rpmPVC – 5 Wiederentdeckung,die ich empfehle
• WAMONO A to Z Vol. I – Japanese Jazz Funk & Rare Groove 1968–1980
• Ryo Fukui – Scenery
• Hiroshi Suzuki – Cat
• Mariya Takeuchi – Plastic Love
• WAMONO A to Z Japanese Groove Disc Guide
Diese fünf Stationen zeigen unterschiedliche Wege, auf denen die internationale Wiederentdeckung japanischer Musik stattgefunden hat...
Wir haben Wamono von seinen historischen Voraussetzungen über Jazz Kissa, Labels und Musiker bis zu den anderen Spielarten japanischer Groove-Musik und ihrer internationalen Wiederentdeckung verfolgt.
Im siebzehnten und letzten Kapitel kehren wir an den Anfang zurück. Wir verbinden alle drei Teile der Reihe und versuchen nach siebzehn Kapiteln eine Antwort darauf zu geben, was Wamono eigentlich bedeutet – und warum diese Musik uns heute noch immer nicht loslässt.
Kapitel 17 – Wamono: Was bleibt?
Ein Schlussessay über drei Teile, siebzehn Kapitel und eine japanische Musikwelt, die sich jeder einfachen Schublade entzieht
Am Ende zurück zum Anfang - Siebzehn Kapitel später stehen wir wieder bei der Frage, mit der diese Reise begonnen hat: Was ist Wamono eigentlich?
Die Antwort ist nach drei Teilen nicht einfacher geworden. Sie ist komplizierter – und genau darin liegt vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieser Serie...
Wamono ist kein Genre wie Bebop, Punk oder Reggae. Der Begriff bezeichnet im heutigen Sammler- und DJ-Kontext vielmehr einen Blick auf japanische Musik - auf Jazz und Jazz-Funk, Soul und Funk, Rare Groove und Disco, Boogie, Rock, traditionelle Elemente und jene urbanen Popformen, die später international unter dem Schlagwort City Pop wiederentdeckt wurden...
Dass diese Musik heute gemeinsam gehört wird, bedeutet nicht, dass sie ursprünglich als gemeinsame Szene entstanden wäre. Wamono ist auch eine nachträgliche Landkarte. Eine Landkarte, die Sammler, DJs und Hörer gezeichnet haben, um Verbindungen sichtbar zu machen, die auf alten Plattenregalen nicht unbedingt nebeneinanderstanden...
Teil 1 – Wie Japan zu einer eigenen Stimme fand
Im ersten Teil dieser Serie ging es deshalb zunächst nicht um rare Platten oder Sammlerpreise. Wir mussten weiter zurück. Wir haben betrachtet, wie Japan nach dem Zweiten Weltkrieg internationale Musik aufnahm, wie Jazz zu einer kulturellen Leidenschaft wurde und wie aus intensivem Studium allmählich etwas Eigenständiges entstand. Kapitel 1 bis 5 führten von der Frage nach der Bedeutung des Begriffs Wamono über historische und gesellschaftliche Voraussetzungen bis zu Jazz, Funk, Soul und City Pop. Schon dort zeigte sich das Grundmotiv dieser Geschichte. Aneignung bedeutete nicht zwangsläufig Kopie. Japanische Musiker hörten amerikanischen Jazz, Soul und Funk. Sie kannten Rock, lateinamerikanische Musik, europäische Klassik und Pop. Gleichzeitig lebten sie in einer eigenen musikalischen Tradition und in einer Gesellschaft, die sich mit enormer Geschwindigkeit modernisierte.
Aus diesen Spannungen entstand keine einheitliche „japanische Musik“. Es entstanden zahllose Antworten. Genau diese Vielfalt bildet den Boden, auf dem wir heute Wamono entdecken...
Teil 2 – Die Orte und die Menschen
Im zweiten Teil rückte die Infrastruktur hinter der Musik in den Mittelpunkt.
Die Jazz Kissa waren weit mehr als Cafés, in denen zufällig Schallplatten liefen. Sie waren Hörorte, Archive, Schulen des konzentrierten Zuhörens und soziale Räume. In einer Zeit, in der importierte Jazzplatten teuer waren, konnte dort eine musikalische Bildung entstehen, die für viele Hörer zu Hause kaum möglich gewesen wäre. Von dort führte unser Weg zu den Musikern. Jiro Inagaki zeigte, wie Jazz und Funk zu einer kraftvollen neuen Sprache zusammenfinden konnten. Akira Ishikawa machte Rhythmus zum Motor. Isao Suzuki verband musikalische Tiefe mit jener außergewöhnlichen Aufnahmeästhetik, für die japanischer Jazz und insbesondere Three Blind Mice bis heute verehrt werden...
Dabei wurde etwas deutlich, das sich durch die gesamte Reihe zieht. Diese Musik entstand nicht aus isolierten Genies. Sie entstand aus Netzwerken.
Musiker tauchten auf den Platten ihrer Kollegen auf, Arrangeure wechselten zwischen Jazz und Pop, Studiomusiker verbanden Szenen, Labels ermöglichten Experimente. Wer einer einzigen Personalangabe auf einer japanischen LP folgt, kann plötzlich mitten in einer vollkommen anderen musikalischen Welt landen...
Teil 3 – Die Grenzen lösen sich auf
Im dritten Teil haben wir diese Netzwerke weiterverfolgt. Hiromasa Suzuki stand exemplarisch für den Musiker zwischen den Welten: Jazz, Funk, Rock, Fusion, elektronische Instrumente und japanische Tradition konnten in seinem Werk nebeneinander existieren. Hiroshi Suzukis „Cat“ zeigte, wie ein Album Jahrzehnte nach seiner Entstehung zu einem internationalen Symbol für Japanese Jazz werden kann. Terumasa Hino führte die Geschichte aus Japan hinaus. Seine Karriere erinnert daran, dass japanischer Jazz keine exotische Seitenlinie der amerikanischen Jazzgeschichte war. Seine besten Musiker wurden selbst Teil der internationalen Szene. Und Ryo Fukui brachte eine weitere Perspektive hinein. „Scenery“ ist weder Jazz-Funk noch Disco noch City Pop. Es ist ein Pianotrio-Album. Trotzdem wurde es zu einem der großen Türöffner des modernen Interesses an japanischem Jazz...
Damit war der Punkt erreicht, an dem wir den Jazz bewusst verlassen mussten.
Wamono ist größer als Jazz. Kapitel 15 war deshalb kein Exkurs, sondern eine notwendige Korrektur unseres eigenen Blicks. Jazz ist das Rückgrat dieser Serie – und für mich persönlich auch einer der faszinierendsten Zugänge zu Wamono. Aber die Geschichte endet nicht an der Tür des Jazzclubs...
Soul und Funk, Disco und Boogie, Light Mellow und City Pop gehören ebenfalls zu jener japanischen Plattenwelt, die DJs und Sammler später neu kartierten. Die offizielle WAMONO-A-to-Z-Reihe macht diese Breite selbst sichtbar. Sie führt von Jazz-Funk und Rare Groove über japanischen Funk bis zu Light Mellow, Disco und Boogie. City Pop ist dabei besonders wichtig...
Das eine kann Teil des anderen Blickfelds sein, ohne mit ihm identisch zu werden.
Diese Unschärfe ist keine Schwäche. Sie ist der Grund, weshalb das Digging so spannend bleibt...
Kapitel 16 führte schließlich in unsere Gegenwart. DJs und Digger hatten längst begonnen, japanische Platten neu zu bewerten, bevor Algorithmen daraus ein globales Phänomen machten. Der Wamono-Begriff selbst etablierte sich in dieser Sammlerkultur erst Jahrzehnte nach vielen der Aufnahmen, die wir heute darunter einordnen. Dann kamen YouTube, Streaming, soziale Medien und internationale Reissue-Labels. Plötzlich konnten Menschen in Düsseldorf, London, Paris oder Los Angeles eine japanische Platte von 1976 entdecken, ohne jemals einen spezialisierten Importladen betreten zu haben. Ein Klick führte zum nächsten Album. Ein Basslauf zu einem Produzenten. Ein Produzent zu einem anderen Musiker. Eine Discogs-Seite zu einem Label...
Das Internet hat damit etwas geschaffen, das den alten Jazz Kissa auf seltsame Weise ähnelt. Einen Ort, an dem Menschen Musik entdecken, die sie selbst nicht besitzen. Der Unterschied ist die Größenordnung. Aber Vorsicht vor dem Mythos. Mit jeder Wiederentdeckung entstehen Mythen...
Japanische Pressungen gelten pauschal als audiophil. Seltene Originale werden automatisch zu Meisterwerken erklärt. Plattenpreise werden mit musikalischer Qualität verwechselt. City-Pop-Cover erzeugen eine nostalgische Vorstellung eines eleganten, neonbeleuchteten Japan, das mit der historischen Wirklichkeit nur teilweise übereinstimmt.
Gerade als Sammler sollte man dieser Versuchung widerstehen. Ein vierstelliger Marktpreis macht keine gute Platte. Ein Obi macht keine gute Platte. Und ein japanischer Schriftzug auf dem Cover macht noch lange kein Meisterwerk. Am Ende muss die Musik bestehen. Vielleicht ist das die wichtigste Regel nach siebzehn Kapiteln...
Warum Vinyl hier trotzdem wichtig ist
Es wäre einfach falsch, das Objekt Schallplatte aus dieser Geschichte herauszurechnen. Wamono ist eng mit Digging verbunden. Mit Covergestaltung, Katalognummern, Labels, Inserts, Obis und dem Moment, in dem eine unbekannte Platte aus einer Kiste gezogen wird...
Das physische Medium hat diese Wiederentdeckung mitgeprägt. Vinyl zwingt uns außerdem zu einer anderen Art des Hörens. Eine LP ist keine endlose Playlist. Sie hat zwei Seiten, eine Reihenfolge und eine begrenzte Spielzeit. Gerade bei Jazz und den sorgfältig produzierten japanischen Alben dieser Epoche gehört diese Dramaturgie zur Erfahrung...
Streaming kann uns natürlich die Tür öffnen. CDs klingen auf den richtigen Anlagen genauso gut. Aber die Platte kann uns dazu bringen, im Raum zu bleiben und etwas Besonderes zu erleben...
Vielleicht erzählt Wamono deshalb am Ende weniger von einem Musikstil als von kultureller Bewegung...
Musik ist ein Reisender. Sie kommt aus New Orleans, Detroit, Philadelphia, New York, London oder Rio de Janeiro nach Japan. Dort wird sie gehört, studiert, gespielt und verändert. Japanische Musiker schicken ihre eigenen Antworten zurück in die Welt. Jahrzehnte später entdecken europäische und amerikanische DJs genau diese Antworten wieder und setzen sie in neue Zusammenhänge. Aus Einfluss wird Transformation. Aus Transformation wird Erinnerung. Aus Erinnerung wird Wiederentdeckung. Und aus Wiederentdeckung entsteht neue Musik...
Dieser Kreislauf ist spannender als jede Diskussion darüber, ob eine bestimmte Platte nun zu hundert Prozent „Wamono“ ist...
17 Kapitel – und trotzdem erst der Anfang
Teil 1 wollte erklären, woher diese Musik kommt.
Teil 2 führte zu ihren Orten und einigen ihrer wichtigsten Musiker.
Teil 3 öffnete den Blick: von Hiromasa Suzuki, Hiroshi Suzuki, Terumasa Hino und Ryo Fukui über City Pop, Soul, Funk, Disco und Boogie bis zur internationalen Wiederentdeckung...
Damit endet diese Wamono-Trilogie auf 33rpmPVC.de...
Aber eine solche Serie kann unmöglich vollständig sein. Dafür ist die japanische Musikgeschichte zu groß. Wir haben Musiker ausgelassen, Labels nur gestreift und ganze Szenen höchstens angedeutet. Genau das soll so sein.
Diese siebzehn Kapitel sind keine Enzyklopädie, sondern eine über Monate zusammengetragene Befriedigung des eigenen - meinem - Wissensdurstes. Und sie sind eine Einladung zum Weiterhören...
Die Nadel hebt sich - vielleicht ist das genau der richtige Moment, diese Reihe zu beenden. Nicht mit einer Definition. Mit einer Platte...
Eine unbekannte japanische Pressung liegt auf dem Plattenteller. Die Nadel senkt sich. Ein kurzes Knistern. Dann Bass. Schlagzeug. Ein elektrisches Piano. Vielleicht Bläser. Vielleicht eine Stimme. Vielleicht etwas vollkommen anderes.
Nach wenigen Sekunden passiert genau das, weshalb wir überhaupt Musik sammeln - man möchte wissen, was als Nächstes kommt. Und irgendwo beginnt die Suche von vorn...
Wamono war nie nur eine Antwort.
Wamono ist die nächste Platte... [mkl]
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