Entlang meiner musikalischen Hörgewohnheiten, entstehen die interessantesten Platten oft nicht in millionenschweren Studios, sondern dort, wo Ideen wichtiger sind als Budgets oder möglicher Ertrag. Hinter The Interlaken Tapes steht Gorden Spangardt aus Bottrop, der sich mit einer Reihe von EPs bereits ein (noch) kleines, aber aufmerksames Publikum erspielt hat. Nach dem selbstbetitelten Debüt und der starken Mini-LP „2“ folgt nun mit DANCE das erste Full-length-Album des Projekts. Und es wirkt wie die logische Ausdehnung eines bereits klar erkennbaren musikalischen Kosmos...
Der Titel lässt zunächst etwas anderes vermuten, als letztlich aus den Lautsprechern kommt. DANCE ist in erster Linie keine Platte für den Club (auch wenn selbst das nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann), sondern eher eine Sammlung von Bewegungsimpulsen zwischen Motorik, Melancholie und kontrollierter Schwerelosigkeit. Krautrock bildet dabei eins der Fundamente, doch Spangardt denkt dieses Erbe nicht nostalgisch. Die stoischen Rhythmen von Neu! oder Can werden hier durch eine Indie-, Postpunk- und Shoegaze-Brille gescannt (oder manchmal einfach durch einen ordinären Fleischwolf gedreht), während elektronische Texturen und verwaschene Gitarrenflächen immer wieder neue Räume öffnen...
Besonders gelungen erscheint mir dabei die fast atmende Balance zwischen Struktur und Auflösung. Viele Stücke wirken, als würden sie sich permanent neu zusammensetzen, ohne ihren inneren Puls zu verlieren. Wo andere Projekte aus dem Spannungsfeld zwischen Kraut, Post-Punk und Electronica oft in Referenzspielereien versanden, entwickelt DANCE eine höchst eigene Handschrift. Die Produktion besitzt eine angenehme Lo-Fi-Wärme, ohne jemals unfertig zu wirken. Man hört dem Album seine Entstehung fernab professioneller Studiokomplexe durchaus an – allerdings ausschließlich im positiven Sinne. Die Songs atmen, knistern und bewegen sich mit jener Unmittelbarkeit, die vielen Hochglanzproduktionen längst verloren gegangen ist...
Auch atmosphärisch überzeugt das Album. Es besitzt etwas zutiefst Eigenständiges. Urban, aber nie kalt; verträumt, ohne in Beliebigkeit abzudriften. Man könnte von einer Ruhrpott-Version jener Entdeckerfreude sprechen, die einst Labels wie Too Pure oder Warp ausgezeichnet hat. Gleichzeitig bleibt DANCE fest im DIY-Gedanken verankert. Gerade das macht den Reiz dieser Veröffentlichung; ja dieser Band (die in der Live-Umsetzung aus drei Musikern besteht) aus. Hier wird nicht versucht, Trends zu bedienen. Stattdessen verfolgt da jemand konsequent seine ureigene Idee von moderner Independent-Musik...
Die Vinyl-Ausgabe verdient besondere Erwähnung. Das umtriebige münsterländische Indie-Label Bureau Platiruma veröffentlicht das Album als auf 100 Exemplare limitierte LP mit handbedruckten Siebdruck-Covern des niederländischen Künstlers Henning Rosenbrock. Jedes Exemplar ist dadurch ein Unikat. Gepresst wurde in Dresden bei Schnittecht. Additiv fur Sammler gibt es eine besonders kleine Glow-in-the-Dark-Edition mit lediglich 30 Exemplaren. Für Sammler ist das mehr als nur eine nette Zugabe – es unterstreicht den bewusst im Spannungsfeld von handwerklichem und künstlerischem Anspruch entwickelten Ansatz der gesamten Veröffentlichung...
DANCE ist letztlich genau das, was unabhängige Musik im besten Sinne sein kann: eigenwillig, neugierig, charmant unperfekt und dabei erstaunlich geschlossen. Ein Album, das weniger Antworten liefert als Möglichkeiten eröffnet. Aufgrund der kleinen Auflage sollte man sich ranhalten. Die Dinger werden nicht lange in den (realen oder virtuellen) Regalen stehen...
Links:
Tracklist
Side A
1. pap9r on, any0ne
2. grey (s ue d e)
3. fragmentarischeintegrale
4. Drive : : :
5. do you believe in ❤
6. mAd/CHSTR
7. ::---Birchy F€€lings
Side B
8. t.ambo RIN
9. /R_otkehlchen
10. F|oa+ing
11. (Melbourne) in #FBCCE7
12. _ Roman _
13. #whitechocolate
14. 0 7 7 3 8