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John Coltrane – The Tiberi Tapes: Muss wirklich jedes Band veröffentlicht werden?

John Coltrane gehört zu den Musikern, bei denen noch der beiläufigste erhaltene Tonmitschnitt musikhistorisches Interesse wecken kann. Vermutlich könnte man ihm beim Einspielen einer Tonleiter zuhören und würde irgendwo darin bereits den nächsten Entwicklungsschritt suchen. Genau das macht Veröffentlichungen wie The Tiberi Tapes gleichermaßen faszinierend und problematisch... 

Die zwischen 1960 und 1964 entstandenen Mitschnitte von Frank Tiberi sind ohne Zweifel historische Dokumente. Sie führen mitten hinein in eine entscheidende Phase Coltranes: von der Zeit um Giant Steps über das klassische Quartett bis unmittelbar an die Schwelle zu A Love Supreme. Man hört einen Musiker, der sucht, verändert, ausprobiert und seine musikalische Sprache immer weiter öffnet. Das ist spannend. Aber ist es deshalb ein Album?

Genau hier beginnt mein Problem mit The Tiberi Tapes. Diese Aufnahmen entstanden nicht als geplante Veröffentlichung. Es sind private beziehungsweise in Clubs angefertigte Mitschnitte mit teilweise entsprechend eingeschränkter Tonqualität. Und sechs Jahrzehnte später wird daraus ein großes Vinyl- und CD-Ereignis – selbstverständlich versehen mit der Aura der „verschollenen“ Coltrane-Aufnahmen. Mir fällt es schwer, darin nicht auch einen Mega-Sell-out zu sehen... 

Nicht, weil die Musik schlecht wäre. Wie sollte sie das sein? Hier spielt John Coltrane. Aber die Größe eines Künstlers kann nicht automatisch die Veröffentlichung jedes erhalten gebliebenen Tonbands legitimieren. Im Gegenteil: Gerade bei einem Musiker, der so kompromisslos an seiner Kunst gearbeitet hat, sollte die Frage erlaubt sein, welchen Zustand seiner Musik er selbst als veröffentlichungswürdig angesehen hätte... 

Natürlich kann niemand John Coltrane heute fragen. Deshalb bleibt auch meine Überzeugung Spekulation. Aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ein Musiker mit seinem Anspruch diese klanglich teilweise problematischen, nicht für eine Veröffentlichung aufgenommenen Mitschnitte als offizielles Album freigegeben hätte. Und das ist für mich der entscheidende Punkt... 

Posthume Veröffentlichungen sind bei Coltrane nichts Neues und keineswegs grundsätzlich problematisch. Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen professionell aufgenommenem Material aus regulären Sessions, das aus unterschiedlichen Gründen zu Lebzeiten nicht erschien, und einem privaten Clubmitschnitt, der Jahrzehnte später zum Premiumprodukt aufbereitet wird... 

Als Archivmaterial sind die Tiberi Tapes großartig. Für Musikwissenschaftler, Coltrane-Enthusiasten und Menschen, die seine Entwicklung möglichst vollständig nachvollziehen wollen, besitzen sie erheblichen Wert. Als Jazzfan möchte man diese Bänder gerne hören. Sehr gerne sogar. Aber ich muss deshalb nicht so tun, als sei jedes historische Dokument automatisch ein verlorenes Coltrane-Album?Den das ist es meines Erachtens keineswegs... 

Vielleicht wäre ein anderer Umgang angemessener gewesen: die Aufnahmen dokumentieren, wissenschaftlich einordnen und möglichst vollständig zugänglich machen. Sie als Zeugnisse einer außergewöhnlichen musikalischen Entwicklung behandeln – und nicht zwingend als das nächste aufwendig vermarktete Sammlerobjekt... 

Denn inzwischen funktioniert der Mechanismus erschreckend zuverlässig: Man findet ein altes Band, versieht es mit dem Versprechen einer bislang unbekannten Facette eines Genies, presst Vinyl daraus und verkauft Geschichte als Ereignis. Bei John Coltrane braucht es das eigentlich nicht. Sein Werk ist groß genug... 

Und vielleicht gehört zum Respekt vor einem Künstler auch die Einsicht, dass nicht alles, was von ihm erhalten geblieben ist, zwangsläufig ein Album werden muss... [mkl]




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