Direkt zum Hauptbereich

Soho Scene – Jazz Goes Mod: Als der Jazz den Sound Londons bestimmte


Eine musikalische Zeitreise durch Soho, die frühen Modernists und die britische Jazzszene zwischen 1957 und 1968... 

London, Ende Mai im Jahr 2024. Ich sitze vormittags in der Bar Italia in Soho, London, und genehmige mir mit zwei Freunden einen Kaffee, um mich für die anstehende Tour durch die dort ansässigen Vinylshops zu rüsten... 

Mein Blick wandert rüber zum wohl berühmtesten Jazzclub Europas, dem Ronnie Scott’s Jazz Club. So unscheinbar, wie er geschlossen an einem Vormittag nur erscheinen kann, regt er mich dennoch zu einem gedankenversunkenen Exkurs an, der sich über die Dauer des Genusses einer Tasse Kaffee in der kaum weniger legendären Eisdiele im Londoner West End erstreckt…

Miles Davis, Art Blakey, Sonny Rollins, Ella Fitzgerald, Thelonious Monk, Tubby Hayes, Dizzy Gillespie, Gergie Fame – was für Namen, die hier schon auf der Bühne gestanden haben. Was für Abende müssen das gewesen sein! Und während ich an meinem Kaffee nippe, versuche ich mir vorzustellen, wie es wohl gewesen sein muss, hier vor sechzig Jahren zu sitzen, wenn sich die Türen öffneten und die ersten Töne eines dieser legendären Musiker den Raum erfüllten... 

London, Ende der 1950er-Jahre. In Soho treffen sich junge Leute, die sich bewusst von der etablierten britischen Nachkriegsgesellschaft absetzen. Sie interessieren sich für italienische Mode, französische Filme, amerikanische Schallplatten und vor allem für modernen Jazz. Ihr Lebensgefühl ist international, urban und stilbewusst. Sie nennen sich Modernists – kurz: Mods... 

Wer die Geschichte der Mod-Bewegung ausschließlich mit The Who, Small Faces, Scootern, Parkas und Northern Soul verbindet, übersieht ihre musikalischen Ursprünge. Bevor Rhythm & Blues, Beat und Soul das Bild dieser Subkultur bestimmten, gehörten Bebop, Hard Bop und Cool Jazz zu ihren wichtigsten musikalischen Bezugspunkten... 

Wirklich traditionsbewusste Mods pflegen diese Affinität auch heute noch mit Verve. Auch wenn sie einer völlig anderen Generation mit einer zunächst völlig anderen musikalischen Sozialisation entstammen. Aber genau hier setzt die britische Compilation-Reihe Soho Scene – Jazz Goes Mod an …

Von Ronnie Scott bis zum Flamingo Club

Die Londoner Jazzszene hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend für die Entwicklungen in den USA geöffnet. Musiker wie Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Miles Davis und Art Blakey wurden zu wichtigen Bezugspunkten einer neuen Generation... 

Doch London entwickelte längst eine eigene musikalische Identität.

Ronnie Scott, Tubby Hayes, Don Rendell, Joe Harriott, Dizzy Reece, Johnny Dankworth und viele andere standen für einen britischen Modern Jazz, der sich nicht mehr hinter seinen amerikanischen Vorbildern verstecken musste... 

Das 1957 eröffnete Flamingo wurde zu einem wichtigen Treffpunkt. Zwei Jahre später eröffnete Ronnie Scott seinen eigenen Jazzclub. Die Clubs waren nicht nur Veranstaltungsorte, sondern soziale Treffpunkte einer internationalen, stilbewussten Szene. Und der Jazz war dabei mehr als Hintergrundmusik. Er stand für Modernität, Eigenständigkeit und kulturelle Offenheit. Also einfach total cooles Zeug... 

Rhythm & Blues Records: Jazzgeschichte auf Vinyl

Hinter Soho Scene – Jazz Goes Mod steht das britische Label Rhythm & Blues Records, dessen Veröffentlichungen auch unter dem Namen 1960s Records erscheinen... 

Die Reihe folgt einem ebenso einfachen wie überzeugenden Konzept: Jeder Jahrgang widmet sich dem Jazz eines bestimmten Jahres und stellt - und gerade diese Herangehensweise macht die Reihe so hochinteressant - britische Aufnahmen solchen aus den USA gegenüber... 

Auf den LPs findet sich häufig auf der ersten Seite britischer Jazz, während die zweite Seite amerikanischen Musikern vorbehalten ist. Oder eben auch mal umgekehrt

Das macht die Zusammenstellungen fast zu eine Art Wettstreit, bei dem es jedoch nur einen Gewinner gibt - den Hörer. Denn neben bekannten Namen wie Miles Davis, Art Blakey, Wes Montgomery oder Horace Silver begegnet man britischen Musikern und Formationen, die außerhalb spezialisierter Jazzkreise heute leider deutlich weniger bekannt sind... 

Dabei handelt es sich nicht einfach um historische Liveaufnahmen aus den Soho-Clubs. Die Zusammenstellungen verwenden überwiegend zeitgenössische Schallplattenaufnahmen. Die umfangreicheren CD-Editionen enthalten zusätzlich seltene Rundfunk- und Konzertaufnahmen. Aber wer will sich diese Mischung aus bekannten Klassikern und weniger geläufigem Material ernsthaft lieber auf CDs anhören? Auch hier wieder ist Vinyl das Format, welches sich einfach richtig anfühlt... 

Gerade diese Mischung aus bekannten Klassikern und weniger geläufigem Material setzt einen weiteren Reizpunkt der Reihe... 

Die musikalische Entwicklung: 1957 bis 1968

Die ersten Jahrgänge führen mitten hinein in die Welt des britischen Bebop und Hard Bop.

1957 und 1958 stehen Musiker wie Ronnie Scott, Tubby Hayes, Don Rendell und die Jazz Couriers neben amerikanischen Größen wie Miles Davis, Art Blakey oder Wes Montgomery.

Mit den frühen 1960er-Jahren verändert sich das musikalische Bild. Soul Jazz, Hammond-Orgel, Blues und stärker rhythmusbetonte Spielweisen gewinnen an Bedeutung.

Die Zusammenstellungen der Jahre 1962 und 1963 dokumentieren diesen Übergang besonders eindrucksvoll. Neben britischem Modern Jazz treten amerikanische Organisten und Soul-Jazz-Musiker wie Jack McDuff, Gene Ludwig oder Charles Kynard in den Vordergrund... 

Mitte des Jahrzehnts verändert sich auch die Londoner Clublandschaft. Rhythm & Blues und Soul gewinnen zunehmend das Publikum, das zuvor vor allem modernen Jazz gehört hatte. Und gleichzeitig öffnet sich der Jazz selbst neuen Einflüssen. In den späteren Jahrgängen finden sich freiere Improvisationsformen, Jazz-Funk, Latin-Einflüsse und experimentellere Ansätze... 

Die 1968er-Ausgabe führt diese Entwicklung weiter. Musiker wie Terry Smith, das New Jazz Orchestra, Eddie Harris und Lionel Hampton zeigen, wie breit das musikalische Spektrum inzwischen geworden war... 

So lässt sich anhand der Reihe nicht nur die Entwicklung des britischen Jazz verfolgen, sondern auch ein Stück Londoner Kulturgeschichte.

Die Gestaltung und der Sammlerwert

Ein weiterer Reiz liegt natürlich auch in den mit Liebe zum Detail designten Plattencovern. Die Gestaltung greift unterschiedliche visuelle Traditionen auf: historische Soho-Fotografien, kontrastreiche Typografie, farbige Schriftblöcke und ein Design, das teilweise an klassische Jazzcover und die grafische Sprache der 1960er-Jahre erinnert... 

Die Reihe ist keine einheitlich gestaltete Box, sondern besteht aus einzeln erschienenen Veröffentlichungen, darunter zahlreiche limitierte Record-Store-Day-LPs. Für Vinylsammler ist das durchaus reizvoll aber auch quälend und mitunter kostspielig. Zumindest kenne ich eine Person in meinem Freundeskreis, der die Reihe komplett bei sich zuhause stehen hat...

Die Veröffentlichungen bilden eine zusammengehörige Reihe, behalten aber jeweils ihre eigene gestalterische Identität... 

Die fünf Ausgaben in meiner Sammlung

In meiner eigenen Vinylsammlung stehen derzeit fünf Veröffentlichungen:

- Soho Scene ’57 – Jazz Goes Mod
- Soho Scene ’59 – Jazz Goes Mod
- Soho Scene ’60 – Jazz Goes Mod
- Soho Scene ’62 – Jazz Goes Mod, Vol. 1
- Soho Scene ’62 – Jazz Goes Mod, Vol. 2

Gerade die beiden Ausgaben von 1962 gehören für mich zu den interessanten Teilen der Reihe. Sie zeigen den Übergang vom klassischen Modern Jazz zu einer stärker vom Blues und Soul geprägten musikalischen Ästhetik... 

Aber auch die 1957er-Ausgabe ist bemerkenswert. Hier treffen unter anderem Tubby Hayes, Ronnie Scott und Don Rendell auf Miles Davis, Art Blakey, Wes Montgomery und Art Pepper. Eine durchaus illustre Runde... 

Musikalisch funktioniert diese Zusammenstellung hervorragend. Trotz der unterschiedlichen Herkunft der Aufnahmen entsteht ein erstaunlich geschlossenes Bild jener Zeit...

Mehr als nostalgische Jazz-Samplerei

Soho Scene – Jazz Goes Mod ist - wie ich hoffentlich bis hierhin überzeugend darstellen konntekeine bloße Ansammlung alter Jazzaufnahmen mit einem modischen, bzw. Mod-ischen Titel. Die Reihe macht deutlich, dass der frühe Modernism wesentlich stärker im Jazz verwurzelt war, als es die populäre Darstellung der Mod-Bewegung heute häufig vermuten lässt... 

Sie zeigt zugleich, wie selbstbewusst sich der britische Jazz gegenüber seinen amerikanischen Vorbildern entwickelte und wie sich der musikalische Geschmack der Londoner Clubszene innerhalb eines Jahrzehnts veränderte. Ahnlich hat es sich ja zum Teil auch in anderen europäischen Ländern entwickelt. Wenn auch - wie am deutschen Beispiel eindrucksvoll zu belegen ist - überwiegend Mod-frei... 

Ein besonderes Lob gebührt schließlich auch den Menschen hinter dieser bemerkenswerten Reihe. Allen voran Paul „Smiler“ Anderson, einem ausgewiesenen Kenner und Chronisten der britischen Mod-Kultur, und dem Jazzsaxophonisten und Musikhistoriker Simon Spillett. Mit ihren kenntnisreichen Begleittexten lassen sie nicht nur die Musik, sondern auch das Lebensgefühl und die kulturelle Atmosphäre jener Jahre wieder aufleben. Gemeinsam mit den Verantwortlichen von Rhythm & Blues Records leisten sie damit einen wertvollen Beitrag zur Bewahrung eines Stücks britischer Musik- und Subkulturgeschichte, das weit über nostalgische Erinnerungen hinausgeht... 

Für Jazzliebhaber ist das eine ausgesprochen hörenswerte Zusammenstellung. Für Menschen, die sich für die Geschichte der Mod-Kultur interessieren, bietet sie einen musikalischen Zugang zu deren Ursprüngen.
Bevor London swingte, war Soho bereits modern. Und der Sound dazu war eben Jazz...  

-  [©mkl - 33rpmPVC.de – Perspektiven auf Musik und Kultur] 

Aktuelle Top-Inhalte:

John Coltrane – The Tiberi Tapes: Muss wirklich jedes Band veröffentlicht werden?

SAINT ETIENNE – FOR THE (ALMOST) VERY LAST TIME || Cambridge Corn Exchange, 26.09.2026 [Gastbeitrag: K. Ahland]

SLADEK – Blame It All On You / What Are You Doing? || 7" | SLDK Records | SLDK-009 | 2026

Soulport Universe Vol. 1 – Eine verdammt gute Portion Soul und Funk - Various Artists | Soulport Records | VÖ: 15.10.2026

SINSUKE FUJIEDA GROUP – Fukushima | Wenn Erinnerung zu Klang wird [VÖ: 26.08.2026 (3rd Press) Original-VÖ: 30.04.2025. Label: Superfly Records / SoFa Records |Katalognummer: SRLP039]