SAINT ETIENNE – FOR THE (ALMOST) VERY LAST TIME || Cambridge Corn Exchange, 26.09.2026 [Gastbeitrag: K. Ahland]
Saint Etienne … wo fang ich an?
Unterm Strich wahrscheinlich, neben den Beatles, die wichtigste britische Band in meinem Leben. Ganz sicher die wichtigste zu meinen Lebzeiten.
Zum ersten Mal auf sie aufmerksam wurde ich durch einen Artikel in der Spex vom Juni 1991. Ihr Konzept war ähnlich der ursprünglichen Idee hinter The Style Council: ein loses Kollektiv mit wechselnden Sängerinnen und Bob Stanley und Pete Wiggs als konstantem Kern. Im Übrigen sahen die beiden Jungs, fand ich, verdammt „Mod“ aus. Und genau so habe ich sie auch über 35 Jahre hinweg betrachtet. Es gibt „orthodoxe“ Mods, die nichts, was stilistisch nach ’66 kam, gelten lassen. „Falsch“, fand ich schon immer. Frischer Wind wie Madchester Rave, Acid Jazz oder Britpop waren immer willkommen, und so auch der Indie-Dance-Beat von Saint Etienne.
Im gleichen Jahr, 1991, erschien auch das Debütalbum „Foxbase Alpha“ auf Heavenly, das ich mir frisch aus London mit nach Hause brachte. Inzwischen war längst klar, dass Sarah Cracknell gekommen war, um fester Bestandteil des Triumvirats zu bleiben.
In den folgenden Jahren war das Erscheinen einer neuen Saint-Etienne-LP immer etwas Besonderes; „something to look forward to“.
Die kreative Pause zwischen 1994 („Tiger Bay“) und 1998 („Good Humor“) wurde mühelos mit Sarahs wundervollem Soloalbum „Lipslide“ überbrückt.
In den ’90er Jahren hätte ich sie beinahe zweimal live erlebt, in Köln und sogar Essen; in den Pre-Internet-Tagen war das aber dann so, dass man an der Venue vor verschlossenen Türen stand, an denen eine Notiz über den Ausfall der Veranstaltung informierte. (Um 1997 herum hab ich dann noch versucht, an der Abendkasse von Ronnie Scott’s Club in Soho ein Ticket für Sarah Cracknell solo zu bekommen – ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie jemanden so laut lachen gehört wie den Türsteher damals …).
Nachdem dann also nach der letzten (in jederlei Hinsicht) LP im vergangenen Jahr die UK-Abschiedstour angekündigt wurde, war klar, dass ich das als lebenslanger Fan nicht verpassen durfte.
Da zuvor schon ein kurz vorher endender Urlaub in Portugal gebucht war, kam im Wesentlichen nur Cambridge in Frage. Auch gut. Letzter Gig der letzten UK-Tour. Würde emotional werden.
So kam es dann, dass ich mich mit meiner besseren Hälfte am 26.09. auf den Weg nach Cambridge machte.
Zeitig vor Ort, um einen guten Platz in Bühnennähe zu sichern, was uns auch gelang. Die Corn Exchange ist eine beeindruckende Halle aus dem Jahre 1876, fungiert seit den 1960ern als Konzertsaal und hat im Laufe der Jahrzehnte von The Who über Bowie und The Jam bis Daft Punk alles gesehen, was Rang und Namen hat.
Während der zwei Opening Acts füllte sich die Halle dann auch, bis die Kapazität von knapp 1.900 Zuschauern komplett ausgelastet war.
Schließlich dann der lang erwartete Hauptact …
Unter frenetischem Beifall und begleitet von einer wahnsinnigen Lightshow kamen zunächst Drummer Mike Monaghan und Bassist/Violinist Joe Bennett auf die Bühne, um einen mit Samples unterlegten Rhythmus zu etablieren. Dann schließlich Bob, Pete und Sarah, begleitet von Debsey Wykes (Dolly Mixture, Birdie), die seit Mitte der ’90er immer wieder Background-Sängerin war und somit getrost als Ehren-Saint betrachtet werden kann.
Die nächsten knapp zwei Stunden waren eine rasante Reise durch wohlbekannte Klassiker (nahezu) sämtlicher Alben („You’re In A Bad Way“, „Hug My Soul“, „Who Do You Think You Are“, „He’s On The Phone“, „Pale Movie“, „Only Love Can Break Your Heart“, you name it …) bis zu Nummern des letztjährigen, brillanten „International“.
Eine absolut authentische Gerührtheit ob der überwältigenden Reaktion des Publikums war den dreien deutlich anzumerken, und es war herrlich anzusehen, wie sich Debseys Bewegungsdrang, obwohl die Älteste auf der Bühne, kaum bremsen ließ.
Absolut künstlerisch die Projektionen, die die Show durchweg hinterlegten, während im Saal eine unbeschwerte Partystimmung herrschte.
Als Zugaben schließlich „Nothing Can Stop Us Now“ („The first song I ever recorded with the boys“ – Sarah) und dann, unausweichlich, „For The (Very) Last Time“, letzter Song vom letzten Album. Sarah war bei Weitem nicht die Einzige im Saal, die sich ein paar Tränen aus den Augen wischen musste, und es kostete sie stellenweise merklich Kraft, ihre Stimme am Wegbrechen zu hindern.
Für mich eine emotionale Reise durch die letzten 35 Jahre. Ein halbes Leben? Eher mehr. Ich war 22 bei Erscheinen des Debütalbums. Schaut Euch das Bandfoto auf der Rückseite von „Foxbase Alpha“ an. Die drei sind selbst noch fast Kinder.
Es folgt noch eine Neuseeland-/Australientour im November, nächsten März mehrere Gigs in Europa (count me in!) und dann ein very, very, very last Konzert in London. Ein langer Abschied, und vielleicht lieber niemals „nie“ sagen …
Danke jedenfalls, Bob, Pete und Sarah, dass Ihr da wart. Zu sagen, Ihr wart mir wichtig, ist hoffnungslos untertrieben.
Aber wie Sarah sagte, letzten Samstag: „We’ll stay in your hearts forever.“
Amen to that!
[Gastbeitrag von Kai Ahland]
Titelbild: Saint Etienne live, Fanclub Festival, Stockholm 1998. Foto: oskarlin / Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0
Bild SPEX: Kai Ahland