Das selbstbetitelte Debüt der Berliner Formation Calamite wirkt wie ein konzentriertes Destillat aus vier individuellen Klangpersönlichkeiten, die ihre Stärken nicht gegeneinander ausspielen, sondern miteinander verweben. Mit Mathilde Vendramin und Helena Montag stehen gleich zwei Stimmen im Zentrum, die jedoch weit mehr sind als reine Vocal-Front: Beide arbeiten intensiv mit Effekten, Texturen und klanglichen Schichtungen, die dem Album seine psychedelisch flirrenden Ränder verleihen. Gleichzeitig halten Paul Lapp am Bass, Synthesizer und mit eigener Stimme sowie Leon Griese am Schlagzeug das rhythmische und atmosphärische Fundament zusammen — ein Fundament, das erstaunlich variabel reagiert, mal pulsierend, mal fragil, mal fast bedrohlich organisch...
Die Warmtönigkeit des Albums verstärkt die schwebenden Stimmen, die oftmals wie zusätzliche Instrumente eingesetzt werden und sich mit Bassläufen, Synth-Flächen und einem ausgesprochen dynamischen Schlagzeugspiel zu einer Art vierdimensionalem Groove verbinden. Was bei vielen Bands schnell in Unentschlossenheit münden könnte, wirkt hier überraschend selbstverständlich: Die Übergänge zwischen groovigem Jazz, progressiven Konstruktionen und psychedelischen Miniaturen sind fließend und bilden eine konsistente eigene Klangsprache...
Die Stärke des Albums liegt in seiner Fähigkeit, die eigene Komplexität dem Hörer zugänglich zu machen. Calamite schichtet, verzerrt, moduliert und öffnet Räume, ohne ihn loszulassen oder sich im Experiment zu verlieren. Vocals dienen dabei weniger als narrative Führung, sondern werden bewusst als klangformendes Material integriert. Das Resultat ist ein Album, das gleichermaßen verspielt und fokussiert wirkt — ein Werk, das neugierig bleibt und sich nicht verzettelt. Und das trotz seiner insgesamt offenen Ausrichtung erstaunlich kompakt klingt...
Diese sechs Stücke bauen einen organischen Spannungsbogen. Jede neue Drehung des Plattentellers legt eine weitere Nuance frei, sei es im harmonischen Untergrund, in subtilen rhythmischen Schüben oder in den verfremdeten Stimmen, die sich wie ein zusätzlicher Synth-Layer durch die Arrangements ziehen. Gerade für Vinyl-Enthusiasten ist das ein Genuss: Die analoge Wärme verstärkt die Tiefe, lässt Details hervortreten und betont jene haptische Qualität, die digitale Formate selten einlösen...
Für Hörer, die Jazz als offenen Möglichkeitsraum begreifen und sich von genreübergreifenden Klangexperimenten angezogen fühlen, ist „Calamite“ ein Debüt, das nicht nebenbei gehört werden will. Es fordert Aufmerksamkeit — und belohnt sie großzügig. Ein selbstbewusstes Erstwerk mit klarer Handschrift, das Lust macht auf alles, was da noch kommt...
Calamite sind übrigens 2026 live im Flöz K in Werne zu sehen und zwar am 5. Juni beim Club Montreux-Konzert. Wie immer mit freiem Eintritt und Hutspende...
Links:
Tracklist
1. Vice-Versa
2. L'infini Devant Moi
3. Comment? Come On!
4. Leave A Light
5. Traces
6. Délires